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Diabetes-Kids Elternblog: DER SCHRANK

Der Schrank

Er stand schon lange vor uns im Wartebereich der Kinder- und Jugendambulanz. Ein massiver Kinderschrank aus dunklem Holz, der wie ein Haus designt wurde. Mit roten Dachziegeln. Statt Türknäufe hat er Löcher, damit kleine Kinderfinger gut danach greifen können. Früher hatte mein Sohn auf seinen kurzen wackeligen Beinchen Puzzle und Holzspielsachen herausbefördert. Heute ist der Schrank leer und im Bücherregal befinden sich nur noch wenige Bücher. Sie stehen unnatürlich akkurat nebeneinander, als würde es sich dabei um wertvolle Erstausgaben handeln. Es sieht gar nicht danach aus, als ob Kinder darin blättern würden, sondern mehr um den waagerechten Brettern eine Existenzberechtigung zu geben. An den Kanten des Regals sieht man dagegen deutliche Abnutzungsspuren und dass es schon bessere Zeiten erlebt hatte. Vor meinem inneren Auge sehe ich kleinen Kisten darauf stehen, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht mehr erinnern, was mein Sohn damals herausgeholt hatte. Vielleicht Bausteine? Vielleicht.

Komisch, früher ist mir das nie aufgefallen, obwohl ich über die Jahre hinweg so viele Stunden damit zubrachte, dieses Wartezimmermöbel anzustarren. So viel Zeit. So viele Jahre. Siebzehn, um genau zu sein. Seit siebzehn Jahren kommen wir regelmäßig zur Diabetessprechstunde. Das robuste Schaukelpferd steht auch noch dort. Vermutlich vermögen es tausend weitere Windelpopos nicht abzuscheuern. Früher stand es vor der alten Notfallambulanz. Hinter der grauen Tür, wo alles begann. Dieses Holzpferd ist zusammen mit dem Schrank in die schicke neue Klinik umgezogen.

Heute saß ich das letzte Mal im Wartezimmer der Kinder- und Jugendambulanz. Das letzte Mal im Sprechzimmer und habe mich von den Schwestern und dem Diabetologen verabschiedet. Wir hatten uns dort stets verstanden und wohlgefühlt.

Für mich schließt sich nicht nur ein weiteres Kapitel, sondern ich bin auf der letzten Seite angelangt.

Ich bin raus.

Mein Sohn wird nächste Woche achtzehn.

Ich bin so was von raus!

Und was jetzt? Was ist schlimmer, gebraucht zu werden und keine Freiheiten haben oder nicht mehr gebraucht werden und mit der Freiheit umgehen lernen? Ich fürchte, ich muss mir ein weiteres Hobby zulegen, damit ich für meinen Sohn sozialverträglich bleibe.

Momentan fühlt sich „raus sein“ ganz schön scheiße an!

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