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Angela bloggt: Diabetes und die Waage, eine verhängnisvolle Affaire

Heute: Diabetes Leben einfach gemacht oder die Sache mit den Alltagsgegenständen: Wecker oder Waage, dies ist jetzt hier die Frage?!

Euch ist es eh egal, ob Wecker oder Waage. Lang, viel zu lang, wen stört es hier? Gibt immer Einen, der es liest. Quasi Quotenleser!? 

Was nun Wecker und Waage mit Diabetes zu tun haben, dies muss ich hier Niemanden erklären. Ich persönlich mag  beide nicht und doch wurden sie mir in den letzten Jahren, treue, oftmals wenig beliebte Begleiter. 

Aber womit fang ich heute an? Mit der Waage, denk ich mir. Die Sache mit dem Wecker ist viel, viel zu ernst. Die Waage ist ja wohlgemerkt zum Wiegen da. Hier geht es mir heute weniger um mein Körpergewicht, is ja auch egal, ob dick oder dünn, nur bitte nicht doof. 

Die Wichtigkeit der Waage, als Hilfsmittel in der Diabetestherapie, ist nicht zu unterschätzen. So lernten wir sie, recht schnell nach Diagnose im Krankenhaus kennen. Und unter uns, ich kann mich bis heute nicht von ihr trennen. Es ist wie eine verhasste Symbiose, eine Verschmelzung, die mich nicht schmelzen lässt, sondern manchmal meinen Willen bricht und eine Trennung unmöglich macht. Will ich mich mal wieder von ihr trennen, scheint mein Geist ihr entgegenzurennen. Eine fatale Abhängigkeit! ?

Aber erst mal zurück zu den Anfängen, da war sie ja wichtig und ein gutes, hilfreiches Stück, die suggerierte perfide unser Leben leichter zu machen, sorry darüber muss ich jetzt gerade etwas lachen. Da stand sie nun einladend im Krankenhaus, lächelte uns an und hieß uns willkommen. Sie flüsterte förmlich, benutzt mich. Heute frage ich mich, wer hier wen benutzt? Die Waage mich, liegend auf unserm Küchentisch!

Nun sollten wir Lebensmittel wiegen, okay, dafür sind sie ja da, die Waagen. Und nebenbei durfte, konnte, sollte man auch schätzen, bevor das Display uns die grammgenaue Wahrheit verriet. Die Waage hatte immer recht, ich nicht. Sie, der ewige Gewinner. Das herausfinden, der sich auf dem Teller befindenden Gramm Angaben von Nudeln, Kartoffeln, Schokolade und Co. hatte natürlich einen Sinn. Von nun an sollte, musste, durfte mein Sohn sich vor dem Essen überlegen, was und wie viel er essen wollte. Kein appetitanregender Gedanke. Dafür muss man aber die Menge des Essens kennen, die man verzehren will. Also lernten sämtliche Nahrungsmittel, die Kohlenhydrate besaßen, besagte Waage kennen. Sie mussten alle ran, ob Brötchen oder Marmelade. Alle mussten dran glauben und mir langsam, aber sicher, den letzen Nerv rauben! Essen sollte Spaß machen, ich glaubte es langsam nicht. 

Nun aber weiter, das Abwiegen stellte hier die einfachste Aufgabe dar. Die Herausforderung lag vielmehr darin herauszufinden, wie viel Kohlenhydrate sich in den abgewogenen Lebensmitteln befanden?? Also Mathematik und Ernährungswissenschaft für Fortgeschrittene, dies bin ich nicht. Ich hasse Mathe, auch heute. Nun gut, is klar, das Wiegen alleine wäre ja auch zu einfach gewesen, als hätte ich nicht schon genug im Kopf! Irgendwo halten die Worte der Ärzte in meinem Kopf, ihr Sohn darf alles essen, wie vorher auch. STOP, wo war unser Vorher? Gebt es uns verdammt noch mal zurück. Ich war von dieser Realität hier wenig entzückt. 

Aber gut, nicht verzweifeln, er darf alles essen, nur vorher Blutzucker messen, Kohlenhydrate der Mahlzeit berechnen und dann die passende, ZACK da  ist dieses Unwort wieder,  "p-a-s-s-e-n-d-e" Menge Insulin dafür abgeben. Ganz zu schweigen von dem Wort "NUR". 

Also alles einfach, dies hatte ich theoretisch schnell verstanden: passende Menge Insulin für passende Menge Kohlenhydrate. Also wiegen was das Zeug hält! Und das machten wir! Wiegen, Kohlenhydrate bestimmen, Insulin verpassen, essen lassen. Kind aß und ich? Ich stand Schweiß gebadet vor einer Waage, einem Krankenbett, voller Gedanken. Hab ich alles richtig gemacht? Wie war das noch? 40 Gramm Nudeln sind 1 KE. 1 KE sind 10 Gramm Kohlenhydrate. Also 160 Gramm Nudeln auf dem Teller, wie jetzt, mit oder ohne Teller? Rauschen im Kopf, oftmals auch Leere. Okay, 160 Gramm sind dann 4 KE. Wie war das mit Banane? 50 Gramm Banane sind 1 KE, jetzt mit oder ohne Schale? Natürlich ohne Schale, war mir schon klar. 

Ihr wisst längst was ich meine, worüber ich schreibe. Wir haben es alle verstanden, irgendwann. In meinem Gehirn haben sich ganz neues Areale gebildet. Nicht nur Wernicke- oder Brocazentrum, die man übrigens nicht kennen muss, sondern z.B. das Kohlenhydratzentrum, um nur eines zu nennen. Da gibt es auch einen Wecker, ja mitten im Gehirn, aber dies ist ja nicht Thema. Willkommen in meiner Welt, was das Gehirn kann alles behält. Schade nur, dass es nicht ohne Waage wiegen kann?

Ich geb es auch offen zu, ich habe es nur nebenbei erwähnt, die Ernährungsexpertin lehrte uns auch früh, dass wir Mut entwickeln sollen beim Schätzen. Also Schätzen statt Wiegen, oh Schreck! Leider hat Schätzen nichts mit Schatz zu tun. Also, es geht nicht um Schätze, wie Socken, Muscheln, Süßigkeitenpapier oder Handtaschen. Gemeint ist das Schätzen der Kohlenhydraten ohne Waage. Wie jetzt, ohne Waage, was stimmt da nicht? Was mache ich dann mit all den Waagen in unserem Schrank? 

Schätzen ist für mich persönlich immer noch sowas wie, die Fälle der Drei ??? zu lösen, nur dass Justus Jonas immer besser ist, als ich. Okay, ich will mich jetzt nicht selber im falschen Licht erscheinen lassen, es gibt schon Treffer, aber glaubt mir diese verfluchte Waage kann es einfach besser! Aber ich habe Fortschritte gemacht, ziemlich schnell. Im Restaurant steht sie nicht mehr auf dem Tisch und die wiederkehrenden Brötchen wieg ich nicht. Beim Vereisen bleibt sie manchmal im Koffer, aber sonst.....sie ist und bleibt mein treuer, manchmal hilfreicher und dich verhasster Begleiter. 

Mein Sohn schätzt mittlerweile viele Dinge richtig und gut und findet Waagen auch irgendwie gar nicht mehr charmant. Oftmals liegt auch er daneben. Frei der Devise: Mut zur Lücke. By the way, was macht es auch sich zu verschätzen, so ist das Leben. Leider, oftmals eine ne Menge. Aber ohne Mut, kein Gewinnen. Ich find er macht es wirklich klasse. Besser als ich  

Vielleicht werd auch ich diese Zecke mal los und lasse Waage, Waage sein. Bis dahin, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Bei Zeit bin ich gedanklich plötzlich wieder beim Wecker, aber nein, davon erzähle ich heute nimmermehr! Versprochen, sehr. 

Wenn ich jetzt zurückblicke, viele Waagenkäufe später, möchte ich nur sagen, die Klinik war und ist wirklich klasse, nicht nur deren Waage? Die Menschen dort, zauberhafte Begleiter, in einer Zeit der Diagnose, die viel von uns abverlangte. Ich rannte schlaflos, sorgenvoll, traurig von Schulung zu Schulung, bloß nichts vergessen, immer die Waage im Blick, STOP immer zuerst mein Kind im Blick! Verdammt, ich sah ihm seinen Blutzucker nicht an, da reichte auch kein Schätzen. Aber das müsste ich doch erkennen oder nicht? Ich funktionierte, schlaflos, sorgenvoll und traurig! Ich lernte nicht nur wiegen. Lernte Blutzucker messen, Insulin spritzen, Kohlenhydrate berechnen. Ich verlernte zu schlafen, fröhlich und hoffnungsvoll zu sein. Ja, ich war auch dankbar, sehr müde dankbar, aber dankbar, irgendwie. Für die Hand, die Waage und das Insulin, welches man uns reichte  Das ist jetzt bald drei Jahre her, die Erinnerungen an die Zeit sehr lebendig. An die Zeit davor und die Zeit danach. Eine Diagnose, die unsere Welt auf den Kopf stellte, wenn ich mein Kind aber aus voller Kehle lachen höre, genau in diesem Moment, im Hier und Jetzt, dann bin ich versöhnt mit mir, der Waage und der Welt. Er lacht, weil er lebt und glücklich ist, jetzt gerade und das macht mich dankbar! Viel zu selten lacht man, bis die Bauchmuskeln weh tun, ich mach da jetzt einfach mit!

Und sollte dies erneut Jemand bis zum Ende gelesen haben, dann sprechen wir uns wieder, denn ich muss Euch verraten, ob ich es diesmal schaffe, die Waage aus meinem Leben zu verfrachten. Na ja, ganz muss sie nicht gehen, nur mit der Symbiose, da sollte ich es nicht übertreiben.

Kommt gut ins Wochenende und fühlt Euch gedrückt!

 

 

Ernährung, Elternblog, Blog

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