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Diabetes-Kids Elternblog: KEIN GANZ NORMALER TAG IN MEINEM LEBEN

Am 14. August 2018 gingen wir Bowling spielen und anschließend Pizza essen. Für die Kinder ist er in erster Linie ein schöner Ausflugstag. Nur für mich hat er eine ganz besondere Bedeutung. Schon wieder ein Jahr vergangen. Insgesamt leben wir im 12. Jahr n.d.D. (nach dem Diabetes) Meine Einstellung zum Tag, der Tage, hat sich vollkommen verändert. Anfangs, der schlimmste Tag auf Erden, ist er jetzt noch immer kein normaler Tag, aber einer auf den man sich freuen kann.

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Anfangs der schlimmste Tag

 Im Jahr gab es unzählig viele bedeutungsvolle Tage. Feiertage, Geburtstage, Kennlerntag, Verlobungstag, Hochzeitstag oder Todestage. Aber kein Tag war wie dieser Tag im August!

Meine Mutter starb fünf Jahre später, und wie der Zufall es wollte, hielt ich die Grabrede für meinen Vater ausgerechnet an ihrem Todestag. An diesem Tag im Frühjahr war, bin und werde ich immer traurig und nachdenklich sein, denn während die Natur jedes Jahr aufs Neue erwacht, ist das beim Menschen nicht so. Davon will ich nichts vergessen, auch wenn es schmerzt, weil es sich trotz allem richtig anfühlt. 

Der 14. August hatte für mich eine vollkommen andere Bedeutung. Die Tage davor waren schon komisch, als ob man darauf wartete, dass das nächste Unglück herabstürzte. Ja, ich denke, das ist wohl der hauptsächliche Grund, warum ich so schlecht drauf war. Dieser Tag erinnerte mich jedes Jahr aufs Neue daran, wie schnell aus einem Nullachtfünfzehn-Tag, eine Katastrophe werden konnte. Einer von der nachhaltigen Sorte, der nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen war und den man am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Noch heute, wenn ich darüber erzähle, kann es mir passieren, dass ich Gänsehaut bekomme, mir heiß und kalt zugleich wird und sich dieses Gefühl von Ohnmacht breitmacht. Diese, man nennt sie Flashbacks, zu überwinden ist nicht so ganz einfach, denn anfangs können die einen wirklich arg zusetzen. Man ist wie erstarrt und kann das Kopfkino nicht stoppen. Die ersten Jahre war der Tag definitiv kein Jahrestag! Von Freude keine Spur! Auf dem Grab meiner Eltern würde ich schließlich auch keine Polka tanzen. Trotz allem hat der Tod meiner Mutter maßgeblich dazu beigetragen, dass ich über den Diabetes anders nachzudenken begann. Diabetes war mittels Medikamente behandelbar. Krebs auch, doch der besaß seine eigenen undurchsichtigen Spielregeln, die dazu führten, dass am Einschulungstag meines Erstgeborenen ihr Stuhl unbesetzt blieb.

 Ich begann die Sache aus einem vollkommen neuen Blickwinkel zu betrachten. Wie, als ob man die letzte Seite eines Buches gelesen hat und es entschlossen zuklappt. Nicht, weil mir der Inhalt nicht gefallen hätte, sondern, weil ich wahnsinnig neugierig auf die Fortsetzung war und wissen wollte, wie die Geschichte weiterging. Ja, ich glaube, so lässt sich das am besten beschreiben. Am 14. August klappe ich den Buchdeckel zu und fange neu an. 

Noch kein normaler Tag, aber einer auf den ich mich inzwischen freuen kann

 Die Sache scheint für uns zu funktionieren, denn in der Tat, freue ich mich auf den 14. August. Er wird nicht mehr angezählt, als würde eine Bombe explodieren, uns das Dach auf den Kopf fallen oder beides zusammen. Wie Geburtstage auch, verbringen wir ihn, verbringt mein Sohn diesen Tag mit den Menschen, die ihm wichtig sind.

Was sich in den letzten zwei Jahren verändert hat, ist, dass aus wir, ein ich und du geworden ist. Wir sind eine Familie, aber wir haben keinen Diabetes. Oft, sehr oft erwische ich mich dabei, wie ich wir, sagen will. Wir müssen noch Blutzucker messen! Wir? Moment mal! Nein, er! Mein Sohn ist nicht mehr der kleine hilflose Windelflitzer. Mit dreizehn befindet er sich im Anfangsstadium Teenager, der sich bevorzugt in seiner Igelhöhle aufhält, was früher einmal sein Kinderzimmer war.

 Erst jetzt beginne ich zu begreifen, dass alles, was vorher war, nur benötigt wurde, damit ich diese Zeit überstehen kann. Dass es gut war, schon vorher relaxter mit Blutzuckerwerten umzugehen und mein Kind nicht gleich todkrank auf dem Sterbebett zu sehen, nur wenn es mal nicht so läuft. Um einen Teenager zu überleben, braucht man jede Menge Geduld, wenn die Pferde durchgehen wollen. Verständnis, wo man verständnislos mit dem Kopf schütteln möchte. Willensstärke, wo man lieber nachsichtig sein möchte. Muss schweigen, wenn man schreien möchte. Ein Teenager mit Diabetes braucht von allem eine Schippe mehr. Er tut viele Dinge nicht, weil er mich ärgern möchte oder keinen Bock hat, er hat Pubertät. Die ist nicht ansteckend, dafür anstrengend!

 Für wirklich alles, muss man den Rahmen in dem sich unsere Kinder bewegen dürfen neu definieren und man kann zu 90 Prozent davon ausgehen, dass sie versuchen werden, sich gegen diesen Rahmen zu stemmen. Wirklich alles wird infrage gestellt. Duschen, Zähneputzen, ob 18 Uhr vom Fußballplatz zurück, 20 Uhr bedeutet und warum so ein klitzekleines Versehen von uns Eltern nicht hingenommen wird. Man kann versehentlich mal ein paar KE zu viel oder zu wenig berechnen, es - mal wieder - vergessen einzugeben. Ups!

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, gilt nicht mehr, was den Diabetes betrifft. Es ist eher ein: Vertrauen ist gut, kontrolliere es so wenig wie möglich, geworden. Ich mag den Libre nicht mehr missen, doch der Sensor hat seine Tücken. Verfehlungen werden sichtbar gemacht. Ich kann es viele Tage später noch sehen. Doch sollte ich ständig was sagen? Meckern? Motzen?

Worauf ich sehr stolz bin, dass ich es inzwischen schaffe, stundenlang nicht auf das Messgerät zu schauen, auch wenn sich mein Sohn im Hause befindet. Das Gerät liegt an seinem Platz in der Küche und ich laufe daran vorbei. Mit Betonung auf Vorbeilaufen! Natürlich nehme ich zur Kenntnis, wenn aus der Küche der bekannte Piepton erschallt. Ich möchte rufen und mich danach erkundigen, was es für ein Wert ist. Der Wunsch es zu wissen, brennt mir förmlich ein Loch in den Kopf, doch ich schweige und frage nicht nach. Na ja, meistens. Mutter eines Teenager zu sein ist nicht einfach, doch für meinen Teenager ist es genauso schwer, mich als Mutter zu haben. 

Zukunftsmusik

 Es ist ziemlich sicher, dass sich die Welt bis zum nächsten 14. August weiterdrehen wird. Es ist ganz sicher, dass mein Sohn in die 7. Klasse kommt. Es ist relativ sicher, dass er im September ein neues Hobby und neuen Verein haben wird. BMX. Das begeistert mich total! Vielleicht bin ich auch zu negativ und es wird ganz toll, wenn er über die Hügel fliegt.

Mit absoluter Sicherheit wird es die nächsten 12 Monate nicht langweilig werden. Meine Tochter steht auch schon in den Startlöchern. Es pickelt und zickelt. Am besten, ich lass mich überraschen. Ändern kann ich es eh nicht. Es kommt alles, wie es kommen muss.

Tags: Elternblog, Blog, Pubertät

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