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Diabetes-Kids Elternblog: PUBERTÄT - ALLTAGSHELD AUF KOLLISIONSKURS

In den letzten zwölf Monaten hat sich bei uns viel verändert. Das in Worte zu verpacken, ist nicht so einfach. Vor allem das nicht! Das Thema Diabetes und Pubertät ist ein sensibles Thema. Für alle Parteien. Ich brüte schon eine Weile an der Thematik. Soll ich oder soll ich nicht? Austeilen fällt leichter als einstecken. Mit Worten kann man Frieden stiften oder Kriege anzetteln. (Das kennen wir aktuell ja vom großen Blonden.) Der Grat zwischen gemein und ehrlich zu sein ist hauchdünn und keiner möchte vorgeführt werden. Ich nicht und mein Sohn erst recht nicht!

Mein Sohn ist 14 Jahre, hat seit 13 Jahren Diabetes, und die Tochter ist 10 Jahre alt. Sie sind wie Hund und Katz. Werden zu Falke oder Spatz und unser Familienleben wird auch pubertätsbedingt ordentlich durcheinandergewirbelt. Ich würde uns, meinen Mann, mich, die Kinder, als lustigen und geselligen Trupp bezeichnen, aber es können auch ordentlich die Fetzen fliegen. Und wenn es raucht, hat das zu 95 Prozent mit der Unfähigkeit zu tun, miteinander in den Dialog zu kommen. Zu erkennen, dass der andere nichts Böses wollte.

Sie trägt ihm sein Messgerät hinterher. Er schreit sie an: „Das geht dich gar nichts an!“ Er steckt ihr Handy ans Ladegerät, weil es nur noch 5 Prozent Akku hat. Sie faucht ihn an: „Lass mein Handy! Das geht dich gar nichts an!“

EINSTECKEN UND AUSTEILEN: Als Eltern teilen wir weniger aus, müssen aber ziemlich viel einstecken. In erster Linie die andere Meinung der Kinder. Je nach Geschlecht werden die mehr oder weniger laut geäußert. Mit oder ohne Türen zuschlagen. Damit muss man umgehen lernen und sich anpassen. Wenn mein Sohn von der Schule kommt, dann interessiert es mich brennend, ob er zur rechten Zeit gemessen und höhere Werte ordentlich korrigiert hat. Oder ist heute wieder ein Mir-vollkommen-schnuppe-Tag? Frage ich ihn danach? Nein! Bei einem ausgehungerten Tiger würde ich auch nicht mit einem blutigen Steak durch den Käfig rennen und rufen: „Fang mich doch, wenn du kannst!“ Fragen, wie sein Tag war oder ob er Hunger hat, führen eh zum gleichen Ergebnis. In solchen Momenten denke ich sehnsüchtig an die Zeit zurück, als er noch klein war. So knapp einen Meter. Er war so süß! Ja, ich weiß, aber ich meine nicht so süß, sondern süß wie knuddelig. Da hatte das Wort: Hausaufgaben noch absolut keine Bedeutung für ihn. Er hätte mich mit seinen zuckersüßen Grübchen angelächelt und gedrückt. Heute drückt er mir eher die Tür vor der Nase zu und lächeln tut er dabei auch nicht mehr.

Diese Form der Ausgrenzung macht traurig, doch ich weiß, dass es für ihn wichtig ist und er es gar nicht böse meint. Er will mich nicht mehr überall dabei haben. Sein Diabetes eignet sich perfekt, um mir meine Grenzen aufzuzeigen. Ein großes blinkendes Stoppschild. Hier beginnt meine Privatsphäre! Du sollst und musst nicht alles wissen! Als Mutter habe ich freilich eine andere Meinung dazu. Ich würde gerne alles wissen wollen, muss aber respektieren, dass mein Kind gerade damit beschäftigt ist, selbstständig zu werden. Es ist kein schönes Gefühl, Kontrolle und Einfluss zu verlieren. Bei all den Streit und Reibereien, die es gab, hat sich die zermürbende Zeit gelohnt, denn die Fronten sind vorerst geklärt und jede Partei hat ihren Platz gefunden. Wer steht wo und was erwartet mich, wenn ich Grenzen übertrete.

Das erste dunkle Tal der Pubertät scheint erreicht. Es ist wie alles, was man mit Kindern erlebt. Man wird immer nur auf die nächste Stufe vorbereitet. Neulich schrieb mir eine Bekannte: Ich fragte meinen Sohn heute:„Sollen wir etwas zusammen unternehmen?“ Antwortet er: „Ja klar! Gehen wir! Du in dein Zimmer und ich in meins.“

ALLTAGSHELD AUF KOLLISIONSKURS: Mein Repertoire an Erlebnissen, mit meinem Pubertier, ist dieses Jahr sprunghaft angestiegen. Er managt inzwischen so gut wie alles, was mit dem Diabetes zusammenhängt. In der Diabetessprechstunde steht nun überwiegend er in Fokus. Wurde immer mehr mit ins Boot geholt. Wie geht es dir? Bist du zufrieden? …

Mit der Eigenständigkeit kamen Dinge dazu, die grenzwertig waren. Als Mutter ist man im Grunde seines Herzens auf beschützen und bewahren gepolt. Das blanke Gegenteil zu tun und ihn beim Scheitern zuschauen zu müssen, war streckenweise hart! Unser Geheimrezept war und ist, so wenig Überwachung wie möglich, so viel wie nötig. Damit sind wir bis jetzt ganz gut gefahren. Keine Überwachung per Handy, keine permanente Sicht auf seine Blutzuckerwerte. Weder von uns, noch von ihm. Der Diabetes darf sehr wohl, mal für ein bis zwei Stunden die Klappe halten. Das muss man aushalten können. Oder aushalten lernen.

Aber was hilft, wenn alles Reden nichts bewirkt? Darauf ankommen lassen? Hysterie hat mich nicht weitergebracht. Ich glaube, in der Lebensphase sind die Kinder immun dagegen. Also ihm die Gelegenheit geben, selbst genügend Fehler zu machen? (Wenn ich was sage, dann nervt es ja nur und wenn ich hinterher was sage, wird es auch nicht besser.) So schickten wir den Nachwuchs lieber vom Restaurant heim. Auch wenn gerade das Essen bestellt wurde, denn ohne Insulin in der Pumpe ... (Mein Mutterinstinkt denkt, so gemein kannst du nicht sein! Der Killer in mir setzt sich durch und lässt ihn zurücklaufen, um das Insulin aufzufüllen.)

Ging man im Hallenbad früher, weil der alte Katheter durchs Einweichen rausgegangen und der 2. Katheter doch nicht eingepackt wurde. Ich rede mir nicht mehr den Mund fusselig. Ich sag es genau einmal, dann wenn ich mir sicher bin, seine volle Aufmerksamkeit zu haben und wenn er es dann versemmelt, PECH! Hinterher sind sowieso immer die anderen daran schuld oder anders ausgedrückt: ich! Der Lernprozess hat uns einige Nerven gekostet! Und er hat Dinger gedreht, da hätte ich ihn mit Wattebällchen bewerfen können, bis er blutet!

Dafür sage ich ihm aber auch, wenn es gut lief: „Mensch, super, dass du dran gedacht hast! Hast du gut gemacht!“ Das ist nämlich die gute Nachricht. Es passiert immer öfter, dass ich ihn loben kann, wo ich im Frühjahr noch am liebsten mit meinem Kopf gegen die Wand gerannt wäre! Ich will noch nicht zu früh jubeln, denn es werden bestimmt noch ein paar von diesen tiefen Tälern auf uns warten. Dieses finde ich, haben wir alle ganz gut gemeistert. Er sogar mit einem Hba1c auf den er stolz sein kann. Und dafür hat er sich nicht überanstrengen müssen, sondern einfach hin und wieder mal drauf schauen, was der Blutzucker so treibt. Dafür brauchte es in der Phase gar nicht viel Technik, sondern einfach nur den Mut mein Kind gegen die Wand laufen zu lassen und hin und wieder eine kleine oder größere Motivationshilfe.

In der vorletzten Diabetessprechstunde war die Diabetologin zu recht unzufrieden mit seinem Management und im Gespräch ergab sich folgende Wette. Mein Sohn wollte, wenn er es schaffte, den Hba1c zu erreichen, eine neue Protektorenweste fürs BMX. Also ohne Zuzahlung seinerseits. Darauf entgegnete ich, wenn er das schaffen würde, bekäme er von mir noch einen neuen Helm und Hose obendrauf. Die Ausrüstung hätte er sowieso gebraucht. Am letzten Trainingstag hatte es ihm über den Lenker katapultiert und ist per Salto durch die Luft geflogen. Trotz Protektoren gab es eine Menge Schleifspuren am Kind und auch am Helm. Aber das hatte ich in dem Moment hübsch für mich behalten. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass er es schafft, den angestrebten Wert, sauber zu unterbieten. Und auch noch freiwillig! Es geschehen halt doch Zeichen und Wunder. Man darf nur die Hoffnung nicht aufgeben!

BITTE FRAGEN SIE IHREN ARZT ODER APOTHEKER: Als Mutter habe ich die Waffen zur Verfügung, die mir die Natur mitgegeben hat. In erster Linie mein Bauchgefühl. Das hier ist nicht als Anleitung zu verstehen, seine Kinder Gefahren auszusetzen! Es hängt sehr stark vom Alter und der Reife ab, was man seinem Kind zutrauen darf und was nicht. Hin und wieder muss sich der Verstand einschalten und überprüfen, ob man dem Bauchgefühl trauen darf. Es ist nämlich etwas vollkommen anderes, wenn der Wunsch, dass das doch nun endlich jetzt klappen muss, überhandnimmt.  

Wünsche sind etwas für das Christkind oder den Weihnachtsmann. Der Umgang mit dem Diabetes aber reift langsam heran. Kein Wunsch beschleunigt das. Nur Zeit, Zeit, Zeit und ganz viel Geduld und Ausdauer. Mein Schutzschild ist mein Urvertrauen ins Leben. Alles kann, nichts muss. Auch wenn mein Kind sehr früh Diabetes bekommen hat, muss ich darauf vertrauen, dass er jeden Tag wieder heimkommt.

Tags: Elternblog, Blog, Pubertät

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EgonManhold antwortete auf das Thema: #112933 23 Dez 2019 15:52
Hi mibi74,

danke für diese Ist-Zustand-Beschreibung.
Ich denke, so oder sehr ähnlich geht es vielen in dieser für alle schwierigen Zeit.
Ich wünsche dir (und allen davon Betroffenen) dass du und alle in deiner Familie auch die noch kommenden Situationen meistern könnt - und in ein paar Monaten in der Rückschau vielleicht sogar drüber lachen könnt.

Eine gute Zeit wünscht euch
Egon

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