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ATTD 2026: Pubertät und Diabetes: Warum die Time in Range in den Teenagerjahren oft sinkt

Auf der ATTD 2026 wurde ein spannendes Poster (siehe ganz unten) vorgestellt, das vielen Familien aus der Seele sprechen dürfte: Die Blutzuckerwerte sind in der Pubertät oft deutlich schwerer stabil zu halten als in der Kindheit. Und ganz wichtig: Das bedeutet nicht, dass Eltern oder Jugendliche „etwas falsch machen“.

Die Auswertung zeigt vielmehr, dass diese Phase des Lebens bei Typ-1-Diabetes ganz besonders herausfordernd ist – aus biologischen und ganz alltäglichen Gründen.

Was wurde untersucht?

Das Forschungsteam um Aritz Lizoain vom Diabetes Center Bern analysierte die Daten von mehr als 4.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes. Ausgewertet wurden kontinuierliche Glukosedaten von Menschen im Alter von 5 bis 30 Jahren.

Dabei schaute man vor allem auf zwei Dinge:

  • Time in Range (TIR): also den Anteil der Zeit, in dem die Glukosewerte im Zielbereich liegen
  • Glucose Risk Index (GRI): ein Wert, der das Risiko für zu hohe und zu niedrige Glukosewerte zusammenfasst

Die Forscher wollten wissen, wie sich diese Werte mit dem Alter verändern – von der Kindheit über die Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter.

Das wichtigste Ergebnis: In der Pubertät wird es deutlich schwieriger

Die Analyse zeigte ein klares Bild:

In der Kindheit ist die Time in Range im Durchschnitt am besten und liegt ungefähr bei 65 bis 70 Prozent.
Mit Beginn der Jugendjahre verschlechtern sich die Werte dann deutlich. Besonders auffällig wird das etwa ab dem Alter von 15 Jahren. Auch der Glucose Risk Index wird in dieser Phase ungünstiger – teilweise sogar schon etwas früher.

Selbst im jungen Erwachsenenalter verbessern sich die Werte zwar wieder etwas, erreichen aber im Durchschnitt nicht ganz das Niveau der Kindheit.

Außerdem zeigte sich: Die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind groß. Es gibt also nicht „die eine normale Pubertätskurve“, sondern sehr verschiedene Verläufe.

Das betrifft Mädchen und Jungen – und auch moderne Technik löst nicht alles

Die Forscher sahen dieses Muster sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen. Auch bei den verschiedenen Therapieformen zeigte sich ein ähnlicher Verlauf: also bei Jugendlichen mit AID-Systemen, mit Insulinpumpe, mit Pen-Therapie und anderen Behandlungsformen.

Die moderne Technik hilft zwar grundsätzlich, und AID-Systeme waren im Durchschnitt mit etwas besseren Werten verbunden. Aber auch sie konnten den typischen Einbruch in der Pubertät nicht vollständig verhindern.

Das ist eine wichtige Botschaft für Familien:
Wenn die Werte in den Teenagerjahren schwieriger werden, heißt das nicht automatisch, dass die Therapie schlecht ist oder jemand versagt hat.

Warum ist die Pubertät so schwierig?

Die Pubertät ist bei Typ-1-Diabetes eine echte Ausnahmezeit. Dafür gibt es viele Gründe:

Zum einen sorgen Hormone und Wachstumsschübe dafür, dass der Körper auf Insulin anders reagiert. Der Insulinbedarf kann sich schneller verändern, und die Glukosewerte steigen oft leichter an.

Dazu kommen die ganz normalen Herausforderungen des Jugendalters:
unregelmäßiger Schlaf, Schule, Stress, Freunde, Sport, spontane Mahlzeiten, Partys, erste größere Selbstständigkeit und oft auch der Wunsch, „nicht ständig an Diabetes denken zu müssen“.

Bei Mädchen können zusätzlich hormonelle Veränderungen rund um den Zyklus eine Rolle spielen.

All das zusammen macht die Diabetes-Einstellung in dieser Lebensphase komplizierter als in vielen anderen Jahren.

Eine wichtige Entlastung für Eltern: Ihr macht nicht alles falsch

Genau das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser Auswertung:

Sinkt die Time in Range in der Pubertät, ist das nicht automatisch ein Zeichen für schlechte Mitarbeit, mangelnde Disziplin oder falsche Erziehung. Es ist häufig ein Teil dieser schwierigen Lebensphase.

Viele Eltern erleben genau das: mehr Alarme, mehr hohe Werte, mehr Diskussionen, mehr Unsicherheit. Schnell entsteht dann das Gefühl: „Wir kriegen das nicht mehr hin.“

Die Daten sprechen aber eine andere Sprache. Sie zeigen, dass die Pubertät bei Typ-1-Diabetes eine besonders verwundbare und anstrengende Phase ist. Familien brauchen in dieser Zeit vor allem Ruhe, Geduld und realistische Erwartungen.

Was kann helfen?

Perfekte Werte sind in der Pubertät oft nicht realistisch. Umso wichtiger ist es, den Druck nicht immer weiter zu erhöhen.

Hilfreich sind vor allem:

  • ruhige und offene Gespräche statt Vorwürfe
  • kleine Fortschritte wertschätzen
  • Ziele flexibel anpassen, wenn nötig
  • Jugendliche Schritt für Schritt in Entscheidungen einbeziehen
  • technische Unterstützung so gut wie möglich nutzen

Gerade moderne Closed-Loop- bzw. AID-Systeme können in dieser Phase eine wertvolle Hilfe sein, weil sie einen Teil der Insulinabgabe automatisch anpassen. Sie sind keine Wunderlösung, können aber den Alltag spürbar entlasten – für Jugendliche ebenso wie für Eltern.

Fazit

Das Poster von der ATTD 2026 bestätigt wissenschaftlich, was viele Familien schon lange erleben:

Die Pubertät ist eine der schwierigsten Phasen im Leben mit Typ-1-Diabetes.
Die Time in Range sinkt in dieser Zeit oft ab, und das ist häufig kein persönliches Versagen, sondern Ausdruck einer biologisch und emotional sehr anspruchsvollen Lebensphase.

Für Familien ist das eine wichtige und hoffentlich entlastende Nachricht:
Nicht Perfektion ist jetzt entscheidend, sondern verlässliche Unterstützung, Geduld und ein gemeinsamer, möglichst entspannter Umgang mit dem Diabetes.

Denn auch wenn diese Jahre anstrengend sind: Sie gehen vorüber. Und niemand muss sie perfekt meistern.

Hier noch das Poster von Aritz Lizoain am Diabetes Center Berne

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Pubertät, ATTD

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