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Schule-Kindergarten

Inklusion, Pandemie und Lehrkräftemangel – Schulgesundheitsfachkräfte aus bildungsgewerkschaftlicher Perspektive

Udo Beckmann Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) im Rahmen der gemeinsamen Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) am Donnerstag, 6. September 2022, 11.00 bis 12.00 Uhr,

Sehr geehrte Damen und Herren,
in den letzten Jahren haben die Aufgaben, die Lehrerinnen und Lehrern zugewiesen wurden, immer weiter zugenommen. Dazu gehört auch die Gabe von Medikamenten, da die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die unter chronischen Erkrankungen oder einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung zu leiden haben, in den Schulen ständig zunimmt. Es ist gut und wichtig, dass es zunehmend gelingt, ALLEN Kindern, unabhängig von ihren Voraussetzungen, ein Bildungsangebot zu unterbreiten. Im Schulalltag bedeutet dies allerdings, dass teilweise jedes vierte Kind in der Schule einen erhöhten Förderungsbedarf aufweist. Dies hat die begleitende Studie zum Modellprojekt „Schulgesundheitsfachkräfte“ der AWO Potsdam ergeben.

Wir sprechen also nicht mehr von Einzelfällen, die Förderbedarf in einem oder mehreren Förderschwerpunkten haben oder Assistenz bei der Medikamentengabe haben. Wir sprechen von fast einem Viertel der Schülerinnen oder Schüler, die eine weitergehende medizinische oder therapeutische Unterstützung benötigen; deren Eltern sich an die Lehrkraft wenden und um eine entsprechende Begleitung ihres Kindes bitten. In der Regel wird die Lehrkraft diese Unterstützung gewähren, um dem Kind den Schulbesuch zu ermöglichen. Dies tut sie allerdings, ohne für eine derartige Tätigkeit ausgebildet zu sein und obwohl sie sich dabei oft in eine rechtliche Grauzone begibt.

Und sie tut dies auf Kosten der eigenen Arbeitszeit und damit auch auf Kosten anderer Verpflichtungen. An dieser Stelle setzt die Politik auf das Berufsethos der Lehrkräfte und nutzt deren Engagement aus. Aus Sicht des VBE darf es nicht weiter im Verantwortungsbereich der Lehrkräfte verbleiben, Kindern mit chronischer Erkrankung den Schulbesuch zu ermöglichen.

Die Politik ist in der Verantwortung, die dafür notwendigen Bedingungen zu schaffen und ein professionelles Schulgesundheitsmanagement mit bestens dafür ausgebildeten Fachkräften, sogenannten Schulgesundheitsfachkräften, zu etablieren und zu finanzieren. Nur so kann die notwendige medizinische Grundversorgung dauerhaft sichergestellt werden. Und nur so kann gewährleistet werden, dass Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen oder anderweitigen Beeinträchtigungen der Besuch einer Regelschule ermöglicht wird.

Das Aufgaben- und Kompetenzspektrum der Schulgesundheitsfachkraft geht aber deutlich über die Notfallversorgung und die Gabe von Medikamenten hinaus. Sie ist allgemein Ansprechpartnerin in Gesundheitsfragen. Stehen keine Notfälle an, konzipiert sie gesundheitsförderliche Projekte, beispielsweise zur Ernährung, Bewegung oder der Mundhygiene oder Präventionsprojekte zum Suchtmittel- oder Medienkonsum, und bringt sie in den Schulalltag ein. Derartige Angebote haben in dem Brandenburger Modellprojekt große Wirkungen auf Schülerinnen und Schüler entfaltet. Eine Wirkung, die noch über die Schule hinaus bis in die Elternhäuser hinein sichtbar wurde. Dies umso mehr, je weniger Schülerinnen und Schüler betreut werden müssen und je mehr die Zusammenarbeit verstetigt und intensiviert wurde.

Die regionale Vernetzung ermöglichte es zudem, derartige Projekte und Workshops auch praktisch umsetzen zu können. Das hohe Maß an Vertrautheit, das in vielen Fällen entstand, ermöglichte es der Schulgesundheitsfachkraft auch, Gewalt- und Missbrauchsfälle zu identifizieren und betroffene Kinder zu unterstützen. All diese Aufgaben liegen derzeit bei den Lehrkräften. Vor dem Hintergrund des dramatischen Lehrkräftemangels könnte die Schulgesundheitsfachkraft nicht nur zu einer dringend notwendigen Professionalisierung der Gesundheitsversorgung beitragen. Ihr Einsatz in der Schule könnte darüber hinaus zu einer längst überfälligen, kurzfristigen Entbindung der Lehrkräfte von Aufgaben, die nicht in ihr originäres Tätigkeitsfeld fallen, und damit zu einer Entlastung beitragen.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie mich von dieser allgemeinen Perspektive auf die Tätigkeit der Schulgesundheitsfachkraft kurz auf die Entwicklungen der letzten gut zwei Jahre eingehen. Viele Herausforderungen, vor denen Schulen stehen, wurden durch die Pandemie einerseits verstärkt, aber auch in besonderer Weise in den Fokus gerückt. Schulen mussten geschlossen werden. Nach Wochen ohne Präsenzunterricht kamen Schülerinnen und Schüler wieder in die Schulen. Oftmals nach Wochen der Isolation, in denen Gewalterfahrungen in nie dagewesenem Ausmaß im Familienalltag präsent waren. Sie brachten teils massive psychosoziale Herausforderungen mit, die den Lernalltag stark belastet haben.

Enorme Herausforderungen, deren Aufarbeitung ein hohes Maß an Beziehungsarbeit und Vertrautheit in einem professionellen Setting braucht. Als die Inzidenzwerte im Herbst wieder anstiegen, wurden Lehrkräfte dann kurzerhand zum verlängerten Arm der Gesundheitsämter gemacht. Schülerinnen und Schüler mussten in der Schule getestet und etwaige Infektionsketten nachverfolgt werden. Dies alles musste dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Aber auch andere Hygienemaßnahmen wie Zugangskontrollen oder hygienische Anpassungen der Waschplätzte mussten umgesetzt werden und haben Schulen vor enorme Herausforderungen gestellt.

Schulen, die das Glück hatten, in dieser Zeit eine Schulgesundheitsfachkraft im Dienst zu haben, erlebten diese Zeit oft anders. Die Evaluation des Modellprojektes zur Schulgesundheitsfachkraft in Brandenburg hat ergeben: Schulgesundheitsfachkräfte waren Ansprechpartnerin Nummer eins, wenn Schulleitungen Fragen zur Pandemie und den richtigen Verhaltensweisen hatten. Teilweise informierten sie Eltern und sensibilisierten Schülerinnen und Schüler. Die Reputation, die sie als Fachkraft innehatten, verlieh den notwendigen Maßnahmen ein ganz anderes Gewicht und trug zur Akzeptanz bei allen Beteiligten bei. Schulgesundheitsfachkräfte konnten den Raum geben, der notwendig war, um Schülerinnen und Schülern bei der Aufarbeitung ihrer psychosozialen Leiden zu unterstützen und ihnen Hinweise zu geben, wo und wie sie eine intensivere Begleitung finden.

Nimmt man die Erfahrungen der letzten zwei Jahre dazu, könnte der Wert einer Schulgesundheitsfachkraft in einer Pandemie noch deutlich erhöht werden. Sie könnte Schnittstelle zum Gesundheitsministerium sein, langfristige Hygienepläne erstellen und die Kommunikation zu gesundheitsrelevanten Themen intensivieren. Sie könnte als Profi in medizinischen Fragen flächendeckend für Maßnahmen sensibilisieren und zu einer breiten Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung beitragen.
Lassen Sie mich abschließend zusammenfassen: Die Herausforderungen an Schulen wachsen, ohne dass dies mit der notwendigen personellen Ausstattung untermauert ist. Vielfach verbunden mit der Erwartungshaltung: „die werden das schon machen“.

Und ja: „sie machen es“. Aber sie können es nur zu Lasten anderer Aufgaben und ihrer eigenen Gesundheit machen. Multiprofessionelle Teams im Allgemeinen und ganz konkret Schulgesundheitsfachkräfte leisten einen Beitrag zur Entlastung von Lehrkräften, indem sie Aufgaben übernehmen, für die Lehrkräfte nicht ausgebildet sind. Und sie heben darüber hinaus Gesundheitsprävention und die medizinische Betreuung von Schülerinnen und Schülern auf ein professionelleres Level. Sie ermöglichen dadurch mehr Teilhabe, tragen dazu bei, unterschiedliche Benachteiligungen auszugleichen und leisten damit einen bedeutsamen Teil bei der Beseitigung der Bildungsungerechtigkeit. Anstatt Modellprojekte mit fadenscheinigen Argumenten einzustellen, wie dies jüngst in Brandenburg geschah, braucht es eine flächendeckende und garantierte Versorgung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(Es gilt das gesprochene Wort!)
Berlin, September 2022

Schule, Betreuung, Politik

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