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Diabetes-Kids Expertenforum

Expertenrunde Diabetes Forschung

Diabetes Forschung
Chancen, Perspektiven, Probleme

für die Beantwortung der Fragen bedankt sich Diabeteskids ganz herzlich bei Dr. Thomas Knittel


1. Ab wann wird es voraussichtlich möglich sein Diabetes Typ 1 zu heilen und welche Forschungsansätze gibt es hierzu?
Der Typ 1 Diabetes ist eine sogenannte Autoimmunerkrankung, d.h. der Körper erkennt körpereigenes Material als fremd und zerstört dieses körpereigene Material. Im Falle des Typ 1 Diabetes konnten eine ganze Reihe von sogenannten Antigenen (körpereigene Strukturen, die als fremd erkannt werden) identifiziert werden, die eine Rolle bei der Entstehung des Typ 1 Diabetes spielen. Auch ist klar, dass dieser Autoimmunprozess über Jahre verläuft und eine familiäre Häufung dieser Erkrankung festzustellen ist.
Im Prinzip verfolgt man zwei Forschungsansätze, einerseits eine Beeinflussung des Autoimmunprozesses, d.h. eine Beeinflussung der Entstehung der Erkrankung, und andererseits ein Ersatz der zerstörten Zellen, der Betazellen, nachdem dieser Autoimmunprozess stattgefunden hat. Um den Autoimmunprozess zu verhindern bzw. zu stoppen, muss man die darin involvierten Antigene identifizieren. In den vergangenen Jahren hat man eine Vielzahl von Antigenen identifizieren können, die in diesen Prozess involviert sind. Man hat auch Testverfahren im Labor entwickelt, um den Autoimmunprozess frühzeitig zu erkennen. Die Forschung zielt jetzt darauf ab, Substanzen zu entwickeln, die die Zerstörung der Betazellen durch diesen Autoimmunprozess verhindern. Solche Substanzen gehören zu den immunsupprimierenden Medikamenten, d.h. es sind Stoffe, die die Funktion des Immunsystems beeinflussen. Eine ganze Reihe von akademischen Gruppen und auch Firmen sind an der Entwicklung derartiger Medikamente beteiligt. In der Mehrzahl der Fälle steht diese Entwicklung jedoch noch ganz am Anfang. Die Effektivität derartiger Medikamente muss in sogenannten klinischen Studien, die meist an Diabeteszentren durchgeführt werden, überprüft werden. Es befinden sich eine ganze Reihe von Substanzen in der klinischen Testung, diese Ergebnisse muss man abwarten.

In dem zweiten Forschungsansatz bemüht man sich um den Ersatz der zerstörten Betazellen. Hierbei ist man bemüht, entweder direkt im Körper oder auch ausserhalb des Körpers aus Stammzellen Betazellen zu generieren. Hier steht die Forschung noch am Anfang, es gibt allerdings erste hoffnungsvolle Daten, die zeigen, dass im Labor aus Stammzellen Betazellen hergestellt werden können. Derzeit ist es sehr schwer abzuschätzen, wann und in welchem Umfang eine derartige Therapie in der Klink eingesetzt wird. Aufgrund der Tatsache , dass heute eine sehr gute, effektive Therapie, nämlich die Insulintherapie zur Verfügung steht, muss man an neuartige Therapieverfahren, wie der Betazellersatztherapie, hohe Anforderungen stellen, d.h. eine derartige Therapie muss ebenfalls effektiv und vor allem sicher sein.

2. Ist es möglich aus Stammzellen Insulin-produzierende Inselzellen zu generieren, die nicht von der Autoimmunantwort betroffen sind?

Es ist möglich aus Stammzellen insulinproduzierende Inselzellen zu generieren. Das konnte sowohl für menschliche Zellen als auch für tierische Zellen nachgewiesen werden. Es ist jetzt die Preisfrage, in wie weit derartige Zellen im Rahmen des Typ 1 Diabetes vom Immunsystem ebenfalls als fremd angesehen und zerstört werden. Leider kann diese Frage abschliessend noch nicht beurteilt werden, weil derartige Untersuchungen noch nicht vorliegen. Es ist denkbar, dass sich Betazellen, die aus Stammzellen gewonnen wurden, von den natürlichen Betazellen doch unterscheiden, so dass sie nicht vom Immunsystem erkannt werden. Es ist allerdings auch möglich, dass diese Zellen ebenso wie die körpereigenen Betazellen vom Immunsystem erkannt und auch zerstört werden. Selbst wenn diese Zellen vom Immunsystem als fremd erkannt werden und zerstört werden, stellt sich immer noch die Frage, wie schnell ein derartiger Prozess abläuft . Aus dem natürlichen Verlauf des Typ 1 Diabetes wissen wir, dass der Zerstörungsprozess über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte stattfindet. Daraus könnte man die Hypothese formulieren, dass eine Betazellersatztherapie selbst im Fall einer Zerstörung der Betazellen effektiv sein könnte, weil sich einfach die Zerstörung über Jahre bzw. Jahrzehnte hinzieht.

Auch ist es denkbar, eine derartige Therapie so zu verfeinern, dass man die Zellen entweder verkapselt oder an spezielle Stellen des Körpers transplantiert, zu denen das Immunsystem keinen direkten Zugang hat bzw. an denen das Immunsystem nicht so stark wirksam ist. Ferner ist denkbar, dass man mit den transplantierten Betazellen gleichzeitig Medikamente verabreicht, die den Autoimmunprozess unterbinden. Abschliessend muss man feststellen, dass man aus Stammzellen insulinproduzierende Inselzellen bzw. genauer gesagt Betazellen herstellen kann und dass man zum momentanen Zeitpunkt noch abwarten muss, ob und wie stark das Immunsystem derartige Zellen als fremd erkennt und zerstört.

3. Welche Formen von Stammzellen können zu beta-Zellen moduliert werden und bei welchen sind dabei die größten Erfolge zu verbuchen?

Wenn man von Stammzellen spricht, muss man zunächst einmal grob unterscheiden zwischen sogenannten embryonalen Stammzellen, d.h. Stammzellen die aus Embryonen der ganz frühen Phase der Entwicklung gewonnen werden und sogenannten adulten Stammzellen, d.h. Stammzellen, die im Erwachsenenorganismus zu finden sind. Weiterhin sollte man zwischen tierischen Stammzellen und menschlichen Stammzellen unterscheiden. Bisher ist es gelungen, aus tierischen embryonalen Stammzellen und adulten tierischen Stammzellen Betazellen herzustellen. Es ist ebenfalls gelungen, aus embryonalen menschlichen Stammzellen Betazellen herzustellen und es wird sicherlich keine Verwunderung sein, wenn es ebenfalls gelingt, aus adulten menschlichen Stammzellen Betazellen zu gewinnen. Am interessantesten sind natürlich menschliche Stammzellen zur Herstellung von Betazellen. Meiner Meinung nach wird man tierische Stammzellen nicht nutzen, um Betazellen herzustellen, die später in einen Menschen transplantiert werden.

Die nächste Frage die sich stellt, ist die Effektivität einer Differenzierung von Stammzellen in Betazellen. Bisher konnte man zeigen, dass es prinzipiell möglich ist aus Stammzellen Betazellen herzustellen und die Effektivität einer derartigen Differenzierung sehr gering ist, d.h. unter 10%. Mit anderen Worten, die so entstandenen Zellkulturen enthalten zu über 90% Zellen, die nicht Betazellen entsprechen. Dies hat natürlich enorme Bedeutung für die Effektivität und vor allem auch Sicherheit einer derartigen Behandlung. Man sollte allerdings bedenken, dass dieser Forschungszweig noch sehr, sehr neu ist und wir erst über einige Jahre Erfahrung verfügen. Noch vor wenigen Jahren hätte man es für komplett unmöglich gehalten, aus adulten Stammzellen Betazellen herzustellen. Meiner Meinung wird sich dieser Forschungsbereich in den nächsten Jahren rasant entwickeln und es sollte eigentlich möglich sein Verfahren zu entwickeln, die es ermöglichen aus menschlichen Stammzellen Betazellen in hoher Reinheit und in großen Mengen herzustellen. Dieser Bereich wird einerseits von akademischen Institutionen aber auch von vielen Pharmafirmen oder Biotechfirmen intensiv beforscht.

4. Gibt es ein Interesse der Insulin-produzierenden Industrie, ein Heilmittel ür Diabetes zu verhindern und wenn ja, wie wirkt sich das auf die Forschung aus?

Eine sehr interessante Frage, die sicherlich nicht unberechtigt ist. Die Großpharmaindustrie, die in großen Mengen Insulin herstellt und dieses verkauft und damit nicht unerhebliche Gewinne erzielt, steht natürlich in einem Interessenskonflikt zu einer neuartigen Therapie, die eine potentielle Gefahr für den Insulinabsatz herstellt. Prinzipiell glaube ich nicht, dass es gelingt eine hoffnungsvolle, effektive, sichere und gute Therapie aufgrund ökonomischer Gründe wie im vorangehenden beschrieben zu verhindern. Die Geschichte der Medizin hat im wesentlichen gezeigt, dass sich gute, neue Therapieverfahren durchsetzen. Selbst wenn es gelingen sollte, insulinproduzierende Betazellen in großen Maße herzustellen, ist diese Therapie, wie sich aus der Beantwortung der Fragen 1-3 ergab, schwierig. Man wird eine derartige Therapie sicherlich nicht bei einem Typ 2 Diabetiker einsetzen, der nur geringe Mengen Insulin benötigt. Eine Betazellersatztherapie wird man primär den Typ 1 Diabetikern zur Verfügung stellen und einem gewissen Prozentsatz von Typ 2 Diabetikern. In anderen Worten, selbst wenn es gelingt eine Betazellersatztherpie zu verwirklichen, wird der Insulinmarkt nicht zusammenbrechen und dürfte für diese Firmen keine vitale Bedrohung darstellen.

Ein Teil der genannten insulinproduzierenden Firmen haben auch bereits das Potenzial einer derartigen neuartigen Therapie erkannt und führen entsprechende Forschungsprojekte selbst im eigenen Hause durch. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass es natürlich prinzipiell eine Gefahr für den Insulinmarkt darstellt, wenn eine Betazellersatztherapie verfügbar wird. Allerdings dürfte der Marktanteil einer derartigen Therapie die vitalen Interessen einer insulinproduzierenden Firma nicht enorm gefährden.

5. Wenn sich der Typ1 DM noch in der Erholungsphase befindetet, d.h. es existieren noch Insulinproduzierende Zellen, ist es möglich und nützlich, diese für die Zukunft zu "retten"( entnehmen und aufheben)?

Ein interessanter Gedanke. Das Entnehmen ist derzeit mit größeren operativen Verfahren, die eine vitale Bedrohung darstellen können, verbunden, d.h. es besteht ein ernstzunehmendes Risiko derartiges Gewebe zu entnehmen. Im nächsten Schritt müssten diese Zellen isoliert und aufgereinigt werden. Das ist im Prinzip möglich, allerdings braucht man dazu große Mengen von Bauchspeicheldrüsengewebe. Derartige Mengen Bauchspeicheldrüsengewebe wird man aus medizinischer Sicht derzeit sicher nicht entnehmen. Sollte es trotzdem gelingen, genügend insulinproduzierender Zellen zu isolieren, verfügt man derzeit über keine Verfahren, diese Zellen zu vermehren und über sehr geringfügige Kenntnisse diese Zellen langfristig zu lagern . Zum momentanen Zeitpunkt kann man Ihnen also nicht empfehlen, ein derartiges Vorgehen zu verfolgen, auch ist mir kein Zentrum bekannt in dem ein derartiges Vorgehen praktiziert wird.

Wenn es gelingen sollte, diese Zellen zu entnehmen, zu vermehren, zu lagern und dann am Ende wieder zu transplantieren, hat man immer noch das Problem der Immunreaktion, d.h. das grundlegende Übel hat man noch nicht beseitigt. Um Ihre Frage abschliessend zu beantworten : Es ist sicherlich nicht möglich zur Zeit ein derartiges Vorgehen zu realisieren.

6. Soll mein Sohn (DM) bei hohen Cholesterinwerten (familiäre Hypercholesterinämie 300mg/100dl)medikamentös therapiert werden? Triglyceride leicht erhöht (185mg/100dl). Wir haben fünf Ärzte gefragt und sieben verschiedene Antworten erhalten.Es wurde ein Ionenaustauscher vorgeschlagen. Ernährungsmäßig wird kaum Cholesterin zugeführt. Gibt es Therapieerfahrungen oder Sicherheitsdaten, bei Kindern??? Und stimmt es, dass Triglyceride durch Zuckeraustauschstoffe erhöht werden??? LDL-Cholesterin zuletzt (UNI-KLINIK MÜNSTER) 221 mg/100dl, HDL-Cholesterin 55 mg/dl. Nach einschleichender Dosierung mit Überprüfung des Blutzuckerhaushaltes wurde Kontrolle durchgeführt (8 Wochen ). Cholesterinsenkung um ca. 30mg/dl.

Tut mir leid, diese Frage kann ich Ihnen leider nicht mit absoluter Kompetenz beantworten, wenn gleich ich denke, dass eine spezifische medikamentöse Therapie der Hypercholesterinämie in Frage kommt, sollten Sie sich bei einem Diabetesexperten beraten lassen. Bei einer derartigen Therapie ist es immer notwendig, dass man den Patienten sieht, die Vorgeschichte und die Laborwerte des Patienten kennt etc. Wie Sie in Ihrer eigenen Recherche schon realisiert haben, wird die Frage " Therapie ja oder nein " kontrovers beurteilt. Ich würde Ihnen daher empfehlen, suchen Sie sich einen auf Diabetes spezialisierten Arzt, am besten ein Zentrum innerhalb einer Universitätsklinik und lassen Sie die Frage dort abklären.

7. Bei Jasmin kommt zum seit Sept./97 bestehenden DM nun noch MorbusCrohn hinzu seit Juni dieses Jahres.Haben nun von einigen gehört, dass MC doch heilbar sein soll. Sind Ihnen noch weitere Jugendl. bekannt, die beide Krankheiten haben?

Der Diabetes mellitus Typ 1 Diabetes mellitus wird als Autoimmunerkrankung angesehen. Ebenso wird der Morbus Crohn als Autoimmunerkrankung angesehen, obwohl man hier die verantwortlichen Antigene noch nicht genau kennt. Oftmals sind verschiedene Autoimmunerkrankungen vergesellschaftet, d.h. wenn Sie eine autoimmune Erkrankung haben, dann haben Sie ein erhöhtes Risiko eine andere autoimmune Erkrankung ebenfalls zu erleiden. Ein Morbus Crohn im Kindesalter ist selten, aber denkbar. In einer 1988 publizierten Studie wurde beispielsweise beschrieben, dass zwei von einundzwanzig Kindern mit Morbus Crohn oder ulterativer Kollitis ebenfalls einen Diabetes mellitus erlitten haben. Wie Sie sehen können, ist diese Assoziation zwischen Diabetes mellitus und Morbus Crohn belegt und tritt in einer geringen Anzahl von Fällen auf.

8. Welche Verbindungen gibtes es zwischen Diabetes Mellitus Typ 1 und anderen Autoimmunerkrankungen, z. B. Hashimoto? Welche Erkenntnisse gibt es über die Wirksamkeit einer Magnetfeldtherapie, z. B. mit Mitosan für Autoimmunkrankheiten, ggf. in Kombination mit gentechnologischen oder anderen (evtl. naturheilkundlichen, vitaminspezifischen) Therapien?

Thyrlioiditis : Wie bereits in Frage 7 ausgeführt, ist der Typ 1 Diabetes mellitus als Autoimmunerkrankung anzusehen und tritt mit diesem gehäuft auf. Neben der Hashimoto Thyrlioiditis sind beispielsweise auch Assoziationen zu anderen Autoimmunerkrankungen wie dem Morbus Adison , dem Hypoparathyreoitismus etc. bekannt. Die Abklärung, ob eine weitere autoimmune Erkrankung bei Patienten mit Typ 1 Diabetes vorliegt, sollte durchgeführt werden. Mir persönlich sind keine Erkenntnisse über eine Magnetfeldtherapie hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei autoimmunen Erkrankungen bekannt. Diese Spezialfrage lässt sich beispielsweise über eine detaillierte Recherche in der Literaturdatenbank PubMed beantworten. Persönlich würde ich allerdings eher bezweifeln, dass eine Magnetfeldtherapie von klarer Wirksamkeit gekennzeichnet ist.

9. Wir hätten gerne genauere Infos zu dem neu entwickelten "Pflaster", das den lutzucker non-stop mißt. Wie weit ist die Entwicklung, welches sind die Vor- und Nachteile, ist es bei Kindern gut einsetzbar, wann kommt es auf den Markt, wird es von der Kasse bezahlt?

Genauere Infos zu dem Pflaster, das den Blutzucker non-stop misst : Mir ist bekannt, dass intensiv an einer ganzen Reihe von Methoden gearbeitet wird, den Blutzucker zu messen. Favorisiert werden dabei sogenannte non-invasive Methoden, d.h. wie die von Ihnen beschriebenen Pflaster, die beispielsweise den Blutzuckergehalt im Schweiß messen, oder anhand der Änderungen von bestimmten Eigenschaften der Haut auf den Blutzuckergehalt zurückschließen können. Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien noch in einem experimentellen Stadium sind. Am weitesten fortgeschritten sind Verfahren, die den Blutzucker invasiv messen. Dabei werden kleine, sehr kleine Nadeln in die Haut eingebracht um Körperflüssigkeit so zu sagen, abzuzapfen. In dieser Körperflüssigkeit wird dann der Blutzuckergehalt bestimmt. Am weitesten fortgeschritten ist nach meinem Eindruck eine Schweizer Firma. Ganz wichtig bei allen diesen Verfahren ist, dass der Blutzucker akkurat gemessen wird. In den jetzt zur Verfügung stehenden Teststreifen, die von Ihnen routinemäßig angewandt werden, hat man ebenfalls ein sehr sicheres, wenn auch zum Teil schmerzhaftes Verfahren zur Hand, den Blutzucker genau bestimmen zu können. Alle neu entwickelten Verfahren müssen sich an diesen Standard erst einmal herantasten. Besonders gefährlich und gefürchtet sind fehlerhaft gemessene Blutzuckerwerte, die beispielsweise einen erhöhten Blutzucker vortäuschen, obwohl eine Hypoglycumie. vorliegt. Persönlich glaube ich, dass sich in den nächsten Jahren hier einiges tun wird, so dass auf die schmerzhafte Blutentnahme immer mehr verzichtet werden kann.

10. Wie werden bei einer Inselzelltransplantation die neuen b-Zellen vor dem eigenen Immunsystem geschützt?

Die Inselzellen werden beispielsweise durch eine spezifische Therapie, d.h. durch Medikamente, die die Funktion des Immunsystems reduzieren, geschützt. Derzeit arbeitet man, falls man Inseln transplantiert, mit einer Dreifach - Kombination von verschiedenen immunsupressiven Medikamenten. Gerade im letzten Jahr hat man einen Durchbruch erzielt, indem man eine kortisonfreie immunsupressive Therapie entwickelt hat, die ein langes Überleben der transplantierten Inseln ermöglichen. Eine Alternative besteht darin, die transplantierten Inseln in kleine Kapseln zu verpacken, die dann in den Körper implantiert werden. Durch die Verkapselung erreicht man, dass das Immunsystem die Inseln nicht zerstören kann. Letzteres Verfahren ist allerdings auch noch als experimentell anzusehen.

11. Müssen neue b-Zellen wieder in die Bauchspeicheldrüse eingepflanzt werden, der ist dies auch "irgendwo" im Körper
möglich?

Ja, es ist irgendwo im Körper möglich. Man kann Betazellen einerseits in die Leber einpflanzen, oder in verkapselter Form beispielsweise in die Bauchhöhle implantieren oder auch unter die Haut, d.h. die neuen Betazellen müssen nicht unbedingt in die Bauchspeicheldrüse zurückgeführt werden, damit sie funktionieren. Dies wird beispielsweise auch bei der Tranplantation von Betazellen durchgeführt. Die transplantierten Inseln werden über die Portalvene in die Leber eingepflanzt und nicht in die Bauchspeicheldrüse. Dies ist bereits gängige klinische Praxis.

12. Wie lange sind diese neuen Zellen haltbar? D.h. wann hat das körpereigene mmunsystem es spitzgekriegt, dass es neue Zellen gibt und fängt an diese zu bekämpfen?
Wie im vorausgehenden schon dargestellt, ist das eine der Preisfragen, so zu sagen die 1000- Dollar - Frage, wie schnell das körpereigene Immunsystem diese neuen Zellen erkennt. Im Prinzip sind beide Varianten denkbar. Einerseits kann es relativ lange dauern bis das Immunsystem diese Zellen wieder zerstört, andererseits ist das Immunsystem so aufgebaut, dass wenn es einmal Angreifer erkannt hat, sich sogenannte Erinnerungszellen ausbilden und diese Erinnerungszellen dann schnell aktiv werden, wenn der Angreifer noch einmal im Körper auftaucht. Das gleiche könnte natürlich auch den neuen Betazellen blühen. Immunsupprimierende Medikamente oder eine Verkapselung wären hier denkbare Wege um diesen Prozess, falls er auftreten sollte, zu verhindern.

13. Welche Medikamente muss man schlucken um die Immunabwehr auszuschließen?
Es gibt eine Gruppe von Medikamenten, die als Immunsupressiva bekannt sind. Darunter fallen Medikamente wie das Kortison oder auch andere Medikamente, die zu verschiedenen Substanzklassen gehören. Immunsupressiva ist also das Zauberwort, das ist jedoch eine heterogene Gruppe von Medikamenten.

14. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß aus einer eventuell eingefrorenen Eizelle der Mutter ein "Ersatz" an Zellen für neue Insulinproduzierende Zellen gewonnen werden könnten?
Die eingefrorene Eizelle der Mutter reicht noch nicht aus um einen Ersatz für insulinproduzierende Zellen zu gewährleisten. Man muss diese Zelle entweder befruchten oder man entkernt die Zelle. Entkernen bedeutet, dass man die Eizelle der Mutter nimmt, den mütterlichen Kern entfernt und durch einen Kern aus einer Körperzelle des Patienten ersetzt. Man spricht hier auch von der "Nukleartransfertechnik" . Im Prinzip wird damit ein Mensch geklont und wie Sie gerade in den letzten Wochen wahrnehmen konnten, wird dieses Verfahren sehr, sehr kontrovers diskutiert. Obwohl es Vertreter gibt die das therapeutische Klonen, von dem hier die Rede ist, befürworten, denke ich, dass die Gesellschaft sich eher gegen ein therapeutisches Klonen entscheiden wird. Wir befinden uns also in einer Situation, in der es in der Theorie durchaus möglich ist dies durchzuführen, jedoch ganz erhebliche ethische Bedenken vorhanden sind. Es muss ferner betont werden, dass dieses Verfahren in der Praxis beim Menschen nicht erfolgreich war und noch größere Probleme zu lösen sind. Zunächst müssen diese ethischen Diskussionen abgewartet werden, bevor man mit den Experimenten fortfahren kann.

15. Was versteht man unter gentechn. Therapie? Wie wird die gentechn. Therapie bei Diabetes durchgeführt? Ist die Remissionsphase von Vorteil? Werden die eig. Gene benutzt oder von der Familie?
Bei der Gentherapie handelt es sich um ein Verfahren bei dem Gene in Körper oder Zellen des Patienten zugeführt werden. Es werden dabei menschliche Gene dem Patienten zugeführt, d.h. keine tierischen Gene. Der Mensch hat ca. 30.000 bis 40.000 verschiedene Gene. Betrachtet man nun ein einzelnes Gen, wie z.B. das Insulin -Gen, dann besitzen alle Menschen dieses Insulin -Gen. Allerdings ist dieses Insulin -Gen nicht 100% identisch bei den 6 Milliarden Menschen weltweit. Es zeigt wie andere Gene auch von Mensch zu Mensch oder von Rasse zu Rasse ganz kleine Änderungen. Bei der Gentherapie verwendet man nun ein menschliches Gen, das von irgendeinem Menschen isoliert wurde und führt es einem anderen Menschen zu. Dies bedeutet, dass das zugeführte Gen von einem Fremden ist und die Möglichkeit besteht, dass es mit dem körpereigenen Gen nicht hundertprozentig übereinstimmt. Dies ist allerdings nicht weiter schlimm, weil schon von Natur aus nicht jeder Mensch mit einem anderen Menschen genetisch 100% identisch ist. Um Ihre Frage zu beantworten, bei der Gentherapie werden also nicht eigene Gene benutzt oder auch nicht die Gene aus der Familie, sondern Gene von anderen Leuten, die man gut untersucht hat und die genau charakterisiert sind.

Sinn und Zweck der Gentherapie ist es, durch die Zuführung von Genen beispielsweise einen Gendefekt zu heilen. In dieser Situation haben Sie als Patient ein defektes Gen und Sie bekommen von einem anderen Menschen das gesunde, intakte Gen zugeführt. Wenn es dem Körper zugeführt wurde, wird aus dem Gen das entsprechende Protein hergestellt und so direkt die Erkrankung therapiert. Dies ist eine Form der Gentherapie. Es gibt andere Formen der Gentherapie: Dabei werden Gene dem Körper zugeführt, weil es nicht möglich ist die entsprechenden Proteine zu verabreichen. Ein weiterer Vorteil der Gentherapie ist, dass man die Gene direkt an den Bestimmungsort bringen kann, oftmals besser als entsprechende Proteine, dass man die Gene am Bestimmungsort durch besondere Regulationsmechanismen an- und ausschalten kann.
Dies ist ebenfalls mit einer konventionellen medikamentösen Therapie in dieser Form eher nicht möglich. Im Rahmen des Diabetes mellitus denkt man z.B. darüber nach, bestimmte Entwicklungskontrollgene an bestimmte Stellen des Körpers zu bringen, um mit Hilfe dieser Entwicklungskontrollgene neue Betazellen zu machen. Prinzipiell wäre es auch möglich, das Protein, das von diesem Entwicklungskontrollgen kodiert wird, direkt im Körper zu benutzen. Weil es aber besonders schwierig und oftmals unmöglich ist, derartige Proteine herzustellen oder dem Körper zuzuführen (an einen bestimmten Ort, in einer bestimmten Zeit) wählt man hier den Weg der Gentherapie.

16. Eine Kombination aus Bio- und Silizium-Technologie könnte in Zukunft Diabetikern helfen. In einer Mini-Kapsel stellen körperfremde Zellen Insulin her.Für wie aussichtsreich halten Sie dieses Verfahren?
Dies ist genau die Richtung in die unsere Firma arbeitet. Von daher halten wir natürlich dieses Verfahren für aussichtsreich. Es kommt allerdings nicht nur darauf an, dass körperfremde Zellen Insulin herstellen, ganz wichtig ist auch, dass diese Zellen auf den Blutzuckerspiegel hin reagieren. Von diesen Zellen muss man fordern, dass sie Insulin in Abhängigkeit von der Blutglukosekonzentration abgeben. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir in Zukunft derartige Therapien erhalten werden. Ich denke jedoch auch, dass man sich nicht der Illusion hingeben sollte, dass derartige Therapieformen in kurzer Zeit zur Verfügung stehen.

17. Es gibt Medikamente, die die Insulinsproduktion fördern. Diese Medikamente sind für D.Typ 2. Was ist mit DMTyp 1 noch in der sogennate ´Remissionphase? Dürfte man nicht dieses Medikament auch nehmen um dies bezüglich verlängern zu können, bzw. vielleicht immer in dieser Phase des diabetes bleiben?
Medikamente, die die Insulinproduktion fördern: Beim Typ1 Diabetes und Typ 2 Diabetes handelt es sich um doch deutlich unterschiedliche Krankheitsbilder. Im Falle von Typ 2 Diabetes haben Sie oftmals noch eine deutliche Reserve der Betazellen im Hinblick auf eine Insulinproduktion. Oftmals ist beim Typ 1 Diabetes schon bei Diagnosestellung die Betazellmasse derart kritisch vermindert, dass selbst die maximale Insulinproduktion der noch vorhandenen Betazellen nicht ausreicht um den Blutglukosespiegel zu senken. In anderen Worten, im Falle von Typ 1 Diabetes laufen Ihre Betazellen schon auf Hochtouren, während beim Typ 2 Diabetes noch eine gewisse Reserve vorhanden ist. Daher werden derartige Medikamente beim Typ 1 Diabetes hier nicht eingesetzt.

18. Wie sieht eine Stammzellentherapie konkret aus? Unser Arzt meint, wenn wir Stammzellen z.B. der Schwester nehmen, sei vorher eine Chemotherapie erforderlich um die "alten körpereigenen Stammzellen abzutöten. Außerdem habe man dann das Risiko, daß diese Stammzellen abgestoßen werden.
Schon heute führt man in bestimmten Bereichen der Medizin eine Therapie mit Stammzellen durch. Dies wird beispielsweise gemacht im Falle von bösartigen Erkrankungen des blutbildenen Systems sogenannten Leukämien. In diesem Falle entnimmt man Stammzellen von dem Patient aus dem Knochenmark, führt dann eine Chemotherapie durch bei der alle Tumorzellen des Patienten im Knochenmark inklusive der dort vorhandenen Stammzellen zerstört werden und bringt dann die vorher entnommenen Stammzellen in den Körper des Patienten zurück. Sinn und Zweck der Chemotherapie ist es also, eine Zerstörung der Tumorzellen, indirekt zerstört man auch alle Stammzellen und dies ist genau der Grund warum man die Stammzellen vorher entnehmen muss. In anderen Worten ausgedrückt, die Stammzelltherapie benötigt keine Chemotherapie, sondern umgekehrt benötigt eine Hochdosis -Chemotherapie, die viele Zellen im Körper inklusive der Stammzellen zerstört, die Stammzelltherapie, damit sich danach wieder neues Knochenmark bilden kann.

Im Falle von Diabetes ist es beispielsweise denkbar, dass man Stammzellen dem Patienten entnimmt, mit Hilfe von speziellen Tricks und der notwendigen Stoffe im Labor in Betazellen umwandelt und dann diese Betazellen dem Patienten wieder zurück gibt. Dazu ist keine Chemotherapie notwendig.

Informationen zum Author:
Dr. Thomas Knittel ist Leiter der medizinischen Abteilung bei DeveloGen in Göttingen. Er studierte Medizin an der Universität in Mainz, wo er 1988 promovierte. Anschließend spezialisierte er sich auf den Gebieten Gastroenterologie und Hepatology. Er sammelte wissenschaftliche Erfahrung durch seine Mitarbeit an der Universität von Genf und dem Max Planck Institut in Göttingen. Er ist außerdem Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.

DeveloGen arbeitet als ein führendes Biotechnologie Unternehmen an der Entwicklung innovativer gentechnologischer Medikamente. Durch die Anwendung neuester Erkenntnisse über Genfunktionen auf die Entwicklung von Zellen hat DeveloGen unter anderem Fortschritte im Bereich der Diabetesforschung erzielt. 1999 übergab der Bundepräsident Johannes Rau, DeveloGen und seinen Gründern den Deutschen Zukunftspreis. DeveloGen wurde im Dezember 1997 von Prof. Peter Gruss, Prof. Herbert Jaeckle und Prof. Wolfgang Driever gegründet und hat heute 70 Mitarbeiter in Labors in Göttingen und Berlin.


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Tags: Expertenrat

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