ADA 2026: Closed-Loop-Systeme werden immer selbstständiger
Weniger Kohlenhydrate zählen, weniger Mahlzeitenboli und mehr automatische Unterstützung im Alltag: Auf dem Jahreskongress der American Diabetes Association 2026 zeigten mehrere Hersteller, wohin sich moderne AID- und Closed-Loop-Systeme entwickeln. Vieles klingt für Familien mit Typ-1-Diabetes vielversprechend – ist aber noch Zukunftsmusik.
Vom Hybrid Closed Loop zum „Fully Closed Loop“
Die heute verfügbaren AID-Systeme passen die Insulinabgabe anhand der CGM-Werte automatisch an. Sie können Basalinsulin reduzieren oder erhöhen und teilweise automatische Korrekturen abgeben. Mahlzeiten müssen jedoch in der Regel weiterhin angekündigt und die Kohlenhydrate möglichst genau eingegeben werden. Deshalb werden sie als Hybrid-Closed-Loop-Systeme bezeichnet.
Mehrere Hersteller arbeiten inzwischen an der nächsten Stufe: Systeme sollen auch unangekündigte Mahlzeiten erkennen und das benötigte Insulin weitgehend selbstständig abgeben. Der Trend auf der ADA 2026 war deutlich: Der Algorithmus soll mehr Arbeit übernehmen und der Mensch weniger eingeben müssen.
Allerdings bedeutet „Fully Closed Loop“ nicht automatisch, dass sich Menschen mit Diabetes überhaupt nicht mehr um ihre Therapie kümmern müssen. Bewegung, Krankheit, technische Probleme, Katheterwechsel oder schnell wirkende Kohlenhydrate bei einer Unterzuckerung können weiterhin Entscheidungen und Eingriffe erfordern.
MiniMed plant ein ganzes System aus Pumpen, Pens und Sensoren
MiniMed präsentierte eine umfangreiche Produktplanung. Neben der MiniMed 780G soll künftig die deutlich kleinere, per Smartphone gesteuerte Schlauchpumpe MiniMed Flex angeboten werden. Sie wurde im Juni 2026 in den USA eingeführt; ein europäischer Marktstart wird derzeit für 2027 erwartet.
Besonders interessant ist der neue Vivera-Algorithmus. Er soll Mahlzeiten automatisch erkennen und perspektivisch ohne Kohlenhydrateingabe oder Mahlzeitenankündigung arbeiten können. Eine Zulassungsstudie läuft bereits. MiniMed plant derzeit eine Einführung in den USA im Jahr 2027; für Europa gibt es noch keinen verbindlichen Zeitplan. Die bisherigen Angaben beruhen überwiegend auf Unternehmensdaten und frühen Studien – eine Zulassung und die tatsächliche Alltagstauglichkeit müssen deshalb noch abgewartet werden.
Zur weiteren Planung gehören die siebentägige Patchpumpe MiniMed Fit und die Einbindung eines von Abbott entwickelten Sensors, der gleichzeitig Glukose und Ketone messen soll. Ein solcher Sensor könnte erhöhte Ketone und damit ein mögliches Risiko für eine Ketoazidose früher sichtbar machen. Für diese Kombination wurde bislang kein Einführungstermin genannt.
Omnipod 6 soll stärker und flexibler reagieren
Auch Insulet stellte Daten zum künftigen Omnipod 6 vor. Das System soll bei Bedarf bis zu 50 Prozent mehr automatisiertes Insulin abgeben können und länger im Automatikmodus bleiben. Außerdem ist ein niedrigerer einstellbarer Zielwert von 100 mg/dl beziehungsweise 5,6 mmol/l vorgesehen.
An der STRIVE-Studie nahmen 132 Personen teil, darunter 98 Menschen mit Typ-1-Diabetes. In die Studie waren auch Kinder ab zwei Jahren einbezogen. Bei den Teilnehmenden mit Typ-1-Diabetes ab 14 Jahren erhöhte sich die Time in Range im Vergleich zu Omnipod 5 von 73 auf 77 Prozent. Die Zeit im engeren Bereich zwischen 70 und 140 mg/dl stieg von 47 auf 54 Prozent. Schwere Unterzuckerungen oder Ketoazidosen wurden während der Untersuchung nicht beobachtet.
In einer zusätzlichen Studienphase sollten die Teilnehmenden weniger Mahlzeitenboli abgeben. Bei den Personen ab 14 Jahren blieb die Time in Range trotz durchschnittlich 2,2 weniger Boli pro Tag bei 76 Prozent. Das ist interessant, bedeutet aber noch nicht, dass bei Kindern künftig grundsätzlich auf Mahlzeitenboli verzichtet werden kann.
Omnipod 6 befindet sich weiterhin in der Entwicklung und ist noch nicht zugelassen. Insulet nennt 2027 als möglichen Einführungszeitraum. Einige Neuerungen, darunter der Zielwert von 100 mg/dl, wurden in den USA bereits als Erweiterung von Omnipod 5 eingeführt. Wann und in welcher Form diese Funktionen nach Deutschland kommen, ist derzeit offen.
Tandem erweitert Control-IQ+
Bei Tandem stand weniger ein völlig neuer Algorithmus als die Weiterentwicklung von Control-IQ+ im Mittelpunkt. Das System unterstützt einen größeren Bereich bei Körpergewicht und täglichem Insulinbedarf. Außerdem sind verlängerte Boli von bis zu acht Stunden und temporäre Basalraten möglich, ohne dafür die Automatik vollständig auszuschalten.
In Europa erhielt Tandem im Juni 2026 eine erweiterte CE-Kennzeichnung für die Anwendung bei Erwachsenen mit insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes sowie bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes. Die kleine Tandem-Mobi-Pumpe soll im zweiten Halbjahr 2026 schrittweise in ausgewählten europäischen Ländern eingeführt werden. Ob Deutschland direkt dazugehört, wurde noch nicht verbindlich mitgeteilt.
Reicht eine grobe Einschätzung der Mahlzeit?
Eine kleine Studie mit dem CamAPS-FX-Algorithmus beziehungsweise dem heutigen myLoop-System untersuchte eine für Familien besonders interessante Frage: Muss jede Mahlzeit wirklich grammgenau berechnet werden?
34 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes verwendeten das System über sechs Monate. Eine Gruppe zählte die Kohlenhydrate möglichst genau, die andere schätzte lediglich die Größe der Mahlzeiten. Beide Gruppen verbesserten ihre Werte; statistisch ließ sich kein eindeutiger Unterschied zwischen den beiden Vorgehensweisen nachweisen.
Das Ergebnis sollte jedoch vorsichtig interpretiert werden: Die Studie war klein und umfasste ausschließlich Erwachsene. Daraus lässt sich keine allgemeine Empfehlung ableiten, bei Kindern auf das Kohlenhydratzählen zu verzichten. Sie zeigt aber, dass moderne, lernende Algorithmen Ungenauigkeiten möglicherweise zunehmend besser ausgleichen können.
DBLG2 und Kaleido kommen zunächst für Erwachsene
Der neue DBLG2-Algorithmus von Diabeloop soll gemeinsam mit der Kaleido-Pumpe und dem Dexcom G7 schrittweise in europäischen Ländern eingeführt werden. Die Steuerung erfolgt direkt über ein kompatibles Smartphone. Das System enthält unter anderem verschiedene Einstellungen für körperliche Aktivitäten und soll den Algorithmus besser an unterschiedliche Sportarten und Belastungen anpassen.
Für Familien mit Kindern ist diese Entwicklung zunächst nur eingeschränkt relevant: Die aktuelle DBLG2-Zulassung gilt für Erwachsene mit Typ-1-Diabetes. Ein konkreter deutscher Einführungstermin wurde von den beteiligten Unternehmen zuletzt nicht einheitlich angegeben; der Rollout soll im Laufe der kommenden Monate schrittweise erfolgen.
Patchpumpen und neue Wirkstoffe
Auch andere Unternehmen arbeiten an kleineren Pumpen und stärker automatisierten Systemen. Beta Bionics plant beispielsweise die Patchpumpe Mint, die nach derzeitiger Planung 2027 in den USA auf den Markt kommen könnte. Daneben werden Systeme untersucht, die neben Insulin auch Glukagon oder das Medikament Pramlintid verwenden. Damit könnten Mahlzeitenanstiege oder Unterzuckerungen künftig noch gezielter abgefangen werden.
Diese Ansätze befinden sich jedoch überwiegend noch in frühen Studienphasen. Ob sie sicher, alltagstauglich, bezahlbar und auch für Kinder geeignet sein werden, lässt sich noch nicht beurteilen.
Was bedeutet das für Familien?
Die Entwicklungen der ADA 2026 zeigen eine klare Richtung: Diabetes-Technik soll nicht immer mehr Aufmerksamkeit verlangen, sondern langfristig mehr Arbeit im Hintergrund übernehmen. Das könnte besonders Familien entlasten, in denen Mahlzeiten schwer vorhersehbar sind, Kinder Kohlenhydrate nicht vollständig aufessen, Jugendliche einen Bolus vergessen oder Schule und Sport den Tagesablauf durcheinanderbringen.
Trotzdem sollten die Ankündigungen nicht mit heute verfügbaren Therapieoptionen verwechselt werden. Viele vorgestellte Systeme befinden sich noch in Studien, sind zunächst nur in den USA geplant oder besitzen noch keine Zulassung für Kinder und Jugendliche.
Auch ein hoch automatisiertes System bleibt auf zuverlässige Sensorwerte, eine funktionierende Insulinzufuhr und passende Grundeinstellungen angewiesen. Schulung, Aufmerksamkeit für technische Probleme und ein Notfallplan für Unterzuckerungen, Ketone oder einen Pumpenausfall bleiben deshalb unverzichtbar.
Fazit
Die Closed-Loop-Entwicklung macht große Fortschritte. Mahlzeiten müssen künftig möglicherweise nicht mehr grammgenau berechnet und vielleicht sogar nur noch optional angekündigt werden. Gleichzeitig werden Pumpen kleiner, zunehmend per Smartphone steuerbar und besser mit verschiedenen Sensoren kombinierbar.
Für Familien mit Kindern und Jugendlichen ist die wichtigste Nachricht jedoch: Die Zukunft sieht vielversprechend aus, aber viele der vorgestellten Lösungen sind noch nicht verfügbar oder noch nicht für Kinder zugelassen. Ein funktionierendes aktuelles System sollte deshalb nicht allein aufgrund einer Produktankündigung infrage gestellt werden. Entscheidend bleiben die individuellen Bedürfnisse des Kindes, eine gute Schulung und die Begleitung durch das behandelnde Diabetes-Team.
Quellverweis: Diverse Meldungen zur ADA 2026
CGM System, Insulinpumpe, ClosedLoop
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