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Buchtips

„Leben süß-sauer“ Folge 6 Ambulance

Fast zwei Jahre lang habe ich es mit der konventionellen Therapie ausgehalten. Spritzen, warten, abwiegen, essen. Dann wurde ich Teenager und weigerte mich, irgendwas zu tun, was meinen Eltern oder sonst irgendwem eventuell hätte gefallen können. Dazu zählte natürlich auch das Einhalten meiner Diät und meines Spritzplans. Innerhalb weniger Wochen züchtete ich mir so einen stattlichen HbA1c-Wert im zweistelligen Bereich heran. Und innerhalb weniger Minuten hatte ich mir damit einen zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt zur Neueinstellung eingehandelt.

„Wenn das mit deinen Werten so weitergeht, bist du in zehn Jahren blind und hast keine Füße mehr“, führte mein Arzt mir die möglichen Spätfolgen noch einmal sehr plastisch vor Augen. „Ich überweise dich ins Krankenhaus und da sollen die dich dann auf ITC einstellen.“

Was das International Trade Center mit meiner Diabeteseinstellung zu tun haben sollte, erschloss sich mir zwar nicht direkt, angesichts der bevorstehenden Mathearbeit wagte ich es aber nicht, die Notwendigkeit eines Krankenhausaufenthalts in Frage zu stellen. Am nächsten Tag also ging es los. „Hallo Vanessa“, begrüßte mich eine fröhlich lächelnde Krankenschwester auf Station 7, „ich bin Kathrin, deine Ärztin und Diabetes-Beraterin.“

Sie kannte meinen Namen nicht, ich hatte sie statt für eine Ärztin für eine Schwester gehalten – einen besseren Start hätten wir kaum haben können.

Nachdem Namen und Berufsbezeichnungen eindeutig geklärt worden waren, zeigte Kathrin mir das Zimmer, in dem ich die nächsten 14 Tage schlafen würde. Wie jedes Krankenzimmer war es weiß und steril und beherbergte einen schnarchenden Menschen über 60, der Nachrichten sehen wollte, wenn die Simpsons liefen.

„Das ist Frau Pauli, sie ist wegen ihrer ... ähm ... Verdauungsprobleme hier.“Verdauungsprobleme? Ich hatte einmal einen Bericht darüber gelesen, dass alte Menschen, die alleine leben, aus purer Langeweile ihre Mitmenschen terrorisieren. Manche verklagen ihre Nachbarn wegen eines auf ihr Grundstück herüberragenden Baumes, manche wühlen an der Kasse im Supermarkt stundenlang nach 3,83 EURO, um dann festzustellen, dass sie nur noch 3,82 EURO klein haben, und manche, so war ich mir sicher, ließen sich mit Blähungen ins Krankenhaus einliefern.

Flehend sah ich Diabetes-Beraterin Kathrin an und versuchte ihr mit weit aufgerissenen Augen mitzuteilen, dass ich in diesem Zimmer keinesfalls übernachten wollte. Leider war Kathrin wenig sensibel für derartige Kommunikationsversuche und ließ mich mit Frau Pauli alleine, die eines dann auch gleich klarstellte: „Hier werden aber Nachrichten geguckt!“

Nachdem ich meine Sachen ausgepackt und mir einen Fluchtplan für durch nächtliche Blähungsentladungen verursachte Notfälle überlegt hatte, holte Kathrin mich zu einem ersten Gespräch in ihrem Büro ab. Und fünf Minuten später wusste ich, dass ITC nichts mit weltweitem Handel zu tun hat, sondern für die intensivierte konventionelle Therapie steht, die nun auf mich zukommen sollte. Was mir ebenfalls schnell klar wurde war, dass intensiviert nichts Gutes heißen konnte.

Kathrin erzählte mir, was in den nächsten zwei Wochen alles mit mir passieren würde. Dazu gehörte unter anderem ein unmenschliches Sportprogramm, das zwei Stunden eines jeden Tages in Anspruch nehmen sollte. Ebenso ein strenger Ernährungsplan, der so vollwertig wie widerlich war: Zum Frühstück sollte ich Dinge essen, die Bezeichnungen trugen wie „Magerquark mit Weizenkleie“ oder „Diät-Marmelade auf Leinsamenbrot“.

Und als wäre ich mit Sport, gesunder Ernährung und Frau Pauli nicht schon genug gestraft gewesen, erzählte Kathrin mir zu guter Letzt auch noch von den vier Stunden ITC-Schulung, die ich jeden Tag mit sechs anderen Diabetikern würde über mich ergehen lassen müssen. Intensiv eben.

Nicht minder intensiv war mein ausgeprägter Wunsch, doch lieber die Mathearbeit (oder meinetwegen auch gleich drei davon) zu schreiben, um nur nicht diese Folterwochen durchleben zu müssen. Doch es nütze nichts; ich musste bleiben und Weizenkleie in Quark essen.

Der erste Schulungstermin war so gelegt, dass auch der letzte Vorteil, den ein Krankenhausaufenthalt hätte haben können, zunichte gemacht wurde: Weil ich um 7.30 Uhr im Schulungsraum erwartet wurde, war an Ausschlafen nicht mal zu denken. Das setzte offenbar auch den anderen Teilnehmern zu. Außer Kathrin befand sich niemand im Raum, der nur ansatzweise dazu in der Lage war, die Augen offen zu halten.

Was aber nichts daran änderte, dass auch die nächsten Termine nicht auf eine humane Zeit ab 10.00 Uhr verlegt wurden.

Am Ende der zwei Wochen hatte ich eine Menge gelernt: dass Sport tatsächlich Mord ist, dass Weizenkleie nach Wellpappe schmeckt und dass Blähungen noch weniger Spaß machen, wenn andere sie haben.

Und natürlich, wie ich mit der ITC meine Blutzuckerwerte wieder besser in den Griff bekommen könnte – leider zunächst nur theoretisch. Für die praktische Umsetzung mit verantwortungsvollem Umgang mit Insulin und Essen hatte ich einfach noch zu viel Pubertät vor mir.

Hinweis von Diabetes-Kids.de:
Weitere Folgen der Serie „Leben süß-sauer“ werden wir ab sofort in regelmässigen Abständen hier veröffentlichen.
Herzlichen Dank an Frau Guadagno für diese tollen Geschichten.

Nächste Folge

Alle bisherigen Beiträge dieser Serie findet ihr hier

Tags: Buchtips, Lesetip

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