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Buchtips

„Leben süß-sauer“ Folge 3 A hard day’s night

Meinen ersten Tag mit Diabetes hätte ich am liebsten schon um 18.00 Uhr beendet. Begonnen hatte er nämlich mit einem ganz normalen Schultag, also mit Aufstehen um 6.30 Uhr. Und anstrengend war er gewesen. Man erfährt schließlich nicht jeden Tag, dass man eine unheilbare Krankheit hat, heult sich daraufhin die Augen aus dem Kopf, wird ins Krankenhaus gebracht und muss sich zu allem Überfluss auch noch Nadeln ins Bein jagen lassen.

Den Wunsch, einfach nur ins Bett zu fallen und daraus in den nächsten drei Wochen nicht wieder aufzustehen, wollte mir aber offensichtlich dennoch niemand erfüllen.

 

Erstmal stand für mich und die anderen Kinder in meinem Zimmer Abendessen auf dem Programm. Wobei das Wort „Essen“ in diesem Zusammenhang als sehr euphemistisch einzustufen war.

Ich bekam zwei leicht vertrocknet anmutende Schnitten Grahambrot, von dem mein Großvater mir immer erzählte, dass er es im Krieg ständig hatte essen müssen, ein Plastik-Pöttchen mit Diät-Margarine und scheibenförmige, fleischähnliche Gebilde, die hier offensichtlich als Salami galten. Hinunterzuspülen mit Unmengen von Kamillentee.

Lena, die im Bett neben mir lag, klärte mich auf: „Das gibt es hier jeden Abend. Aber das Frühstück ist besser. Da musst du keine Wurst essen.

“Ein schwacher Trost angesichts dessen, was da auf meinem Teller lag und aussah, als würde es mich angreifen, sollte ich mich weigern, es zu essen.

Aber, so machte ich mir Mut und Hoffnung, wenn ich brav aufgegessen hatte, würde man mich endlich schlafen lassen.

Zu Hause hätte ich einen unglaublichen Aufstand gemacht, wenn meine Mutter auf die Idee gekommen wäre, mich noch vor dem 20.15 Uhr-Film ins Bett zu schicken. Jetzt aber betete ich um Erlösung von diesem Tag und es gab nichts, was ich mehr wollte, als in tiefen Schlaf zu fallen.

Ich schloss also die Augen, um nicht zu sehen, was ich aß, und schlich anschließend sofort ins Bett – aus dem ich allerdings keine drei Minuten später wieder rausgeschmissen wurde: Schwester Simone, die so etwas wie die Chefin der Station zu sein schien, wollte unbedingt eine Urin-Probe von mir haben – nicht die letzte, wie sich im weiteren Verlauf des Abends und der Nacht herausstellen sollte.

Nick Carter von den Backstreet Boys (deren Verehrung sich unter den Top 5 meiner unentschuldbarsten Jugendsünden findet) holte mich gerade während eines Konzerts auf die Bühne, um mir vor Millionen von Zahnspangenträgerinnen einen Heiratsantrag zu machen, als plötzlich ein eifersüchtiger Fan rief: „Melissa. Aufwachen! Du musst noch mal zur Toilette.

“Wäre ich nicht so jung und entsprechend ungeschult in selbstbewusstem Auftreten gewesen, hätte ich dem Fan, der sich als Schwester Simone entpuppte, wohl erwidert: „Nein, muss ich nicht!“ So aber wischte ich mir nur den Schlaf aus den Augen, tat, wie mir befohlen und schlurfte ins Badezimmer.

Das Ergebnis des nächtlichen Toilettenbesuchs an Schwester Simone abgegeben, wollte ich nun wieder unter die Decke schlüpfen – Nick wartete schließlich auf mich. Doch auch das blieb mir vorläufig verwehrt: „So, jetzt müssen wir noch mal eben deinen Blutzucker kontrollieren.“Die Frau, die vor mir stand und sich als Kinderkrankenschwester ausgab, war ohne jeden Zweifel beim Militär ausgebildet worden.

Nachdem sie mir eine Nadel in den Finger gerammt hatte, um Blut für die Zuckermessung daraus zu gewinnen, sah sie mit sorgenvollem Blick auf den sich verfärbenden Teststreifen, kräuselte die Stirn und sagte: „Tja, da brauchst du noch mal Insulin.“

Was das bedeutete, wusste ich inzwischen: Ich würde mal wieder eine Spritze bekommen. Und, so war ich mir sicher, Schwester Simone würde es genießen, mich leiden zu sehen. Warum sonst sollte sie mich in dieser Nacht noch dreimal mit ähnlich grauenvollen Absichten aus dem Schlaf holen? Es war schließlich 4 Uhr morgens, als ich das letzte Mal unsanft geweckt wurde und endlich in Ruhe schlafen konnte. Schwester Simone sagte mir, sie müsse nun keinen Blutzucker mehr messen, und wünschte mir mit einem Lächeln auf dem Gesicht schöne Träume.

Für den Moment glaubte ich, mich in ihr getäuscht zu haben. Vielleicht war sie gar nicht so schlimm und hatte tatsächlich jedes Mal, wenn sie mich aus dem Schlaf holen musste, Mitleid mit mir gehabt.

Als aber drei Stunden später ein Zivildienstleistender in unser Zimmer kam und mich mit den Worten weckte: „Schwester Simone wollte, dass ich noch mal Zucker bei Dir messe“, wusste ich, dass mein erster Eindruck mich nicht getäuscht hatte.

Hinweis von Diabetes-Kids.de:
Weitere Folgen der Serie „Leben süß-sauer“ werden wir ab sofort in regelmässigen Abständen hier veröffentlichen.
Herzlichen Dank an Frau Guadagno für diese tollen Geschichten.

Nächste Folge

Alle bisherigen Beiträge dieser Serie findet ihr hier

Tags: Buchtips, Lesetip

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