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Diabetes-Kids Expertenforum

Schwere Hypo in der Nacht

Frage:
Unsere Tochter ( 8 Jahre seit 6 Jahren DM ) hatte kürzlich eine schwere Hypo in der Nacht, so das wir den Rettungsdienst alarmieren mussten.

Ich habe sehr ruhig reagiert und ihr einige schnelle BEs gegeben. Nach einer halben Stunde war alles überstanden und unser Kind wieder voll bei sich. ( sie war nicht Bewusstlos ) weiss aber nicht was geschehen ist.

Seit dem Vorfall weigert sie sich in ihrem Bett zu schlafen. Wenn ich sie frage ob sie in ihrem Bett schläft, dann fängt sie an zu weinen und sagt sie habe Angst. Auch während der Hypo schrie sie ständig sie habe Angst. Auch ihre kleine Schwester ( 22 Monate alt ) die bei ihr im Zimmer schläft, war sehr erschrocken und voller Panik. Die kleine lässt mich seit dem nicht mehr aus den Augen und folgt mir überall hin, verliert sie mich mal aus dem Blickfeld dann schreit sie. Soll ich den Kindern noch etwas Zeit geben, oder ist eine Therapie um das geschehene aufzuarbeiten notwendig.?

Sie trägt seit Ende September eine Insulinpumpe, ihre Werte haben sich sehr verbessert. Antwort von unserem Experten, Frau Dr. Karin Lange:
Eine schwere Hypo ist für alle Beteiligten, das betroffene Kind, die Eltern und Geschwister ein erschreckendes Ereignis. Eltern, die so eine Hypo bei ihrem Kind erlebt haben, berichten immer wieder, dass sie in dieser Situation die schlimmsten Befürchtungen hatten, obwohl sie wussten, dass sich die Hypo gut behandeln lässt. Die Angst und Sorge ist ganz normal und es braucht oft Wochen und länger, bis sie überwunden ist. Sie haben in der Situation völlig richtig gehandelt, Hilfe geholt und geben Ihrer Tochter auch jetzt noch ein Gefühl der Sicherheit.

Zunächst war das Ganze sicher sehr beängstigend und aufregend. Auch kleine Kinder spüren sehr wohl, wenn Eltern oder Geschwister sehr viel Angst haben – sie schwingen seelisch mit, ohne dass sie sich selbst beruhigen können. Sie verstehen ja noch nicht, was geschieht. Daher braucht Ihre Kleine einfach die gute Erfahrung, dass die Eltern für sie da sind und alles wieder gut ist. Das braucht Zeit. Ich würde nach und nach kleine Schritte gehen, die Kleine immer mal wieder für einen Moment sich selbst überlassen und ihr Zeit geben. Je selbstverständlicher und gelassener Ihnen das gelingt, um so eher wird sie ruhiger werden. Eine „Aufarbeitung“ – was immer das sein mag – erscheint mir bei einem so kleinen Kind nicht sinnvoll. Die tägliche Erfahrung mit den Eltern und der Schwester hilft der Kleinen viel mehr.

Hier müsste Ihnen ihre große Tochter helfen. Sie ist für die Kleine sicher ein großes Vorbild. Mit ihr könnten Sie besprechen, wie der Kleinen geholfen werden kann (Damit kann ihr große Tochter sich dann auch selbst helfen). Nächtliche Hypos – auch schwere Hypos – sind fast immer mit ganz schrecklichen Albträumen verbunden. Sie sind viel klarer und wirklichkeitsnäher als es Träume sonst sind. Auch wenn man schon wach ist, bleibt man im Traumgeschehen und es ist extrem schwer, sich klar zu machen, dass es nur ein Traum ist. Für Kinder ist das sicher noch bedrohlicher als für Erwachsene. Entsprechend groß ist die Angst, gegen die man sich bei niedrigem Blutzucker nicht mit Vernunft (dafür braucht das Gehirn Zucker) wehren kann. Vielleicht hilft ihrer Tochter dazu die Erklärung, „dass sich der Körper während man schläft selbst vor Hypos schützt. Da man ja nicht anders wach wird, macht der Körper ganz schlimme Träume, bei denen man vor Angst schreit. Dadurch wird man meistens wach oder die Eltern hören es im Zimmer nebenan (auch wenn die Tür zu ist). Und dann kann man Saft trinken oder Eltern können eine Spritze (Glukagon) geben, damit die Hypo vorbei geht. Die Träume sind zwar schlimm, aber eigentlich helfen sie gut.“

Mit ihrer großen Tochter könnten Sie also besprechen, dass die schlimmen Träume sehr gut bei ihr funktionieren, wenn sie eine Hypo hat, und sie wecken. Die Träume sind also Wachhunde. Die Pumpe sorgt dafür, dass sie ziemlich sicher keine Hypo bekommen wird (nicht zu ehrgeizig mit dem HbA1c sein, damit es wirklich nicht noch einmal passiert). Außerdem sind Mama und Papa da, die genau wissen, was man bei einer Hypo tun muss.

Nun muss ihre Große Ihnen helfen, damit die kleine Schwester nicht mehr so viel Angst hat. Wenn es ihr gelänge, mit der Kleinen für kurze Zeit ohne Mama-Blickkontakt zu spielen, wäre das schon toll. Wenn sie es sogar schafft, mit der Kleinen im Zimmer einzuschlafen, wäre sie eine richtig große Schwester. Fragen Sie sie auch, was man der Kleinen erzählen könnte, damit sie keine Angst hat. In dieser Rolle hilft sich ihre ältere Tochter selbst am allerbesten. Gehen Sie dabei kleine Schritte und loben Sie sie für ihren Mut. Die Träume sind wirklich schlimm. Vielleicht kann sie einen schlimmen Traum – eine Angst - malen - nicht figürlich, sondern einfach mit einem dicken Stift auf Papier kritzeln, dann zusammenfalten und in einer Kiste fest verschließen. Die Angst hat ihre Aufgabe erfüllt und kann weggeschlossen werden.

Bei allen Bemühungen lassen Sie sich und Ihren Kindern Zeit, die Hypo zu verarbeiten. Das sichere Gefühl braucht viele gute Erfahrungen, bevor es wieder ganz selbstverständlich eintritt. Damit die Angst aber nicht größer wird, sollte ihre Tochter Schritt für Schritt die Erfahrung machen, dass sie auch ohne den direkten Kontakt zu Ihnen sicher ist.

Ihre
Karin Lange

Die Beiträge in dieser Rubrik Fragen & Anworten sind ein anonymisierter Auszug aus unseren Expertenforen im geschützten Mitgliederforum. Wenn Ihr selbst eine Frage an unsere Experten stellen möchtet, schreibt an webmaster@diabetes-kids.de oder als Mitglied in unser Expertenforum.

Tags: Expertenrat

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