Ursachenforschung

Kein signifikanter Anstieg der neudiagnostizierten Kinder mit Typ-1-Diabetes während der Corona-Pandemie

Verfasst am . Veröffentlicht in Ursachen

DiabetesDEIn den letzten Wochen ist eine Nachricht durch die Presse gegangen, dass ein 19-Jähriger nach überstandener Sars-CoV-2-Infektion neu an Typ-1-Diabetes erkrankt ist und dass möglicherweise die Infektion mit dem Coronavirus der Auslöser für die Diabeteserkrankung war (siehe z.B. dieser Spiegel-Artikel). Doch handelt es sich hier um einen Einzelfall oder hat die Coronavirus-Pandemie tatsächlich dazu geführt, dass mehr Menschen neu an Typ-1-Diabetes erkrankt sind?

In einer aktuellen Studie in Diabetes Care hat ein Team von Forschern aus Ulm alle Neudiagnosen bei Kindern zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 – der Zeit des Lockdowns – aus 216 Diabeteszentren des DPV-Registers in Deutschland untersucht. Dann verglichen sie diese Zahl mit den Neuerkrankungsraten für dieselben Monate in den Jahren 2011 bis 2019. Einerseits erhöhte sich die Erkrankungsrate 2020 gegenüber den Vorjahren, z.B. von 503 Neuerkrankungen 2019 auf 531 Fälle 2020. Andererseits ist hinlänglich bekannt, dass die Diabetes-Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen seit vielen Jahren stetig ansteigt, daher waren die Forscher wenig überrascht von dieser Beobachtung.

Ist dieser Anstieg aber auch ein Zeichen dafür, dass das neue Coronavirus zu vermehrten Neuerkrankungen bei Kindern mit Typ-1-Diabetes führt? In der Vergangenheit konnten Forscher beobachten, dass Stresssituationen wie die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 in der Folge zu vermehrten Neudiagnosen von Typ-1-Diabetes führten. Außerdem wissen die Forscher schon länger, dass Viruserkrankungen insgesamt oftmals einem Ausbruch der Krankheit vorangehen. Die Folgen des Lockdowns könnten sich also sowohl verstärkend (Stress durch den Lockdown und seine sozialen Folgen, Infektionen mit Sars-CoV-2) als auch abschwächend (weniger Kontakte führen zu einem geringeren Infektionsrisiko mit Viruserkrankungen allgemein) ausgewirkt haben. Insgesamt stellten die Forscher fest, dass sich die Steigerung der Neudiagnosen im Rahmen dessen bewegt, was aufgrund der bisherigen Entwicklung zu erwarten war. Kurzfristig signifikante Anstiege über das normale Maß der letzten Jahre waren nicht zu beobachten.

Da es in Deutschland aber eine relativ geringe Rate an COVID-19-Infektionen gab, ist nicht klar, ob sich die Effekte der Coronapandemie (Stress vs. geringeres Infektionsrisiko) gegenseitig aufheben oder ob es vielleicht mittel- oder langfristig doch noch Auswirkungen auf die Typ-1-Diabetes-Inzidenz geben wird. Um dies weiterhin zu beobachten, seien hier Folgestudien notwendig.

Quellverweis: Diabetes-News ad hoc von DiabetesDE vom 20.10.2020
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Tags: DiabetesDE, Forschung, Expertenrat, Ursachen, Coronavirus Covid-19

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