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Typ-1-Diabetes erkennen, bevor Symptome auftreten – Experten empfehlen Screening für alle Kinder

frueherkennung2Typ-1-Diabetes beginnt oft lange bevor die ersten typischen Symptome auftreten. Ein internationales Expertenteam empfiehlt deshalb jetzt erstmals einen konkreten Fahrplan für ein systematisches Screening von Kindern auf frühe Stadien des Typ-1-Diabetes. Ziel ist es, die Erkrankung zu erkennen, bevor Kinder mit starkem Durst, Gewichtsverlust oder sogar einer gefährlichen Ketoazidose ins Krankenhaus kommen.

Ein Typ-1-Diabetes entsteht nicht plötzlich. Bereits Monate oder Jahre vor der eigentlichen Diagnose beginnt das Immunsystem, die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse anzugreifen.

In dieser Phase geht es den Kindern meist noch vollkommen gut. Im Blut können jedoch bereits sogenannte Inselautoantikörper nachgewiesen werden. Sie zeigen an, dass der autoimmune Prozess, der zu Typ-1-Diabetes führt, bereits begonnen hat.

Genau hier setzt die Früherkennung an.

Experten empfehlen Screening zu mehreren Zeitpunkten

Ein internationales Expertenteam um Prof. Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich hat im Fachjournal Diabetologia konkrete Empfehlungen für ein bevölkerungsweites Screening veröffentlicht.

Danach sollten Kinder erstmals im Alter von 2 bis 4 Jahren auf Inselautoantikörper untersucht werden.

Ist der Test negativ, werden weitere Untersuchungen empfohlen:

  • im Alter von 6 bis 8 Jahren
  • und nochmals im Alter von 10 bis 15 Jahren.

Der Grund für die Wiederholungen: Inselautoantikörper können sich auch erst im Laufe der Kindheit entwickeln. Ein einmaliger negativer Test bedeutet deshalb nicht, dass ein Kind später keinen Typ-1-Diabetes entwickeln kann.

Warum nicht nur Kinder aus Diabetesfamilien testen?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein solches Screening sei vor allem für Geschwister oder Kinder von Menschen mit Typ-1-Diabetes sinnvoll.

Doch genau das würde einen großen Teil der später erkrankenden Kinder übersehen.

Mehr als 85 Prozent der Menschen, bei denen Typ-1-Diabetes neu diagnostiziert wird, haben keine familiäre Vorbelastung.

Deshalb sprechen sich die Expertinnen und Experten ausdrücklich für ein Screening der allgemeinen Bevölkerung aus und nicht nur für Untersuchungen innerhalb von Familien, in denen Typ-1-Diabetes bereits vorkommt.

Was bedeutet ein positiver Test?

Ein positives Screening bedeutet zunächst nicht, dass ein Kind sofort Insulin benötigt.

Werden in zwei aufeinanderfolgenden Blutproben mehrere Inselautoantikörper bestätigt, spricht man von einem frühen Stadium des Typ-1-Diabetes.

Dabei wird heute zwischen verschiedenen Stadien unterschieden:

Stadium 1:
Es sind mehrere Inselautoantikörper vorhanden, die Blutzuckerwerte sind aber noch normal.

Stadium 2:
Zusätzlich zu den Autoantikörpern lassen sich bereits Veränderungen des Zuckerstoffwechsels feststellen. Das Kind hat aber häufig weiterhin keine typischen Diabetesbeschwerden.

Stadium 3:
Der Typ-1-Diabetes ist klinisch manifest. Die Blutzuckerwerte erfüllen die diagnostischen Kriterien und eine Insulintherapie wird notwendig.

Ein positives Screening ermöglicht es also, die Erkrankung zu beobachten, lange bevor möglicherweise eine akute Situation entsteht.

Der große Vorteil: eine Ketoazidose möglichst verhindern

Einer der wichtigsten Gründe für eine frühe Diagnose ist die Vermeidung einer diabetischen Ketoazidose (DKA).

Noch immer wird Typ-1-Diabetes bei manchen Kindern erst erkannt, wenn ein erheblicher Insulinmangel besteht und das Kind mit einer schweren Stoffwechselentgleisung ins Krankenhaus kommt.

Dass Früherkennung einen großen Unterschied machen kann, zeigen die Erfahrungen der deutschen Fr1da-Studie.

Seit 2015 wurden im Rahmen von Fr1da bereits mehr als 240.000 Kinder untersucht. Bei mehr als 730 Kindern wurde dabei ein frühes Stadium des Typ-1-Diabetes entdeckt.

Nach Angaben von Helmholtz Munich entwickelten nur etwa 2,5 Prozent der durch Fr1da frühzeitig erkannten Kinder beim späteren klinischen Beginn eine Ketoazidose. Ohne eine solche Früherkennung liegt der Anteil bei der Diabetesmanifestation in Deutschland seit Jahren bei über 20 Prozent.

Das ist aus unserer Sicht einer der überzeugendsten Vorteile der Früherkennung: Familien werden nicht völlig unvorbereitet von der Diagnose getroffen und Kinder müssen möglichst nicht erst schwer krank werden, bevor ihr Diabetes erkannt wird.

Familien gewinnen wertvolle Zeit

Wer früh weiß, dass sich ein Typ-1-Diabetes entwickelt, kann begleitet und vorbereitet werden.

Die Familie kann sich in Ruhe darüber informieren,

wie Typ-1-Diabetes behandelt wird,
welche Veränderungen auf sie zukommen können und
auf welche Symptome sie achten sollte.

Gleichzeitig können regelmäßige Kontrolluntersuchungen erkennen, wann sich der Stoffwechsel verändert und wann eine Behandlung notwendig wird.

Darüber hinaus entwickelt sich die Forschung zu Therapien weiter, die in frühen Stadien in den Krankheitsprozess eingreifen und den Übergang zum klinischen Typ-1-Diabetes möglicherweise hinauszögern können.

Früherkennung bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung: Es geht zunehmend nicht mehr nur darum, wann Typ-1-Diabetes erkannt wird, sondern möglicherweise künftig auch darum, wann therapeutisch eingegriffen werden kann.

Früherkennung darf Familien aber nicht alleinlassen

Eine solche Diagnose hat auch eine andere Seite.

Eltern erfahren möglicherweise Jahre bevor ihr Kind tatsächlich Insulin benötigt, dass bei ihm bereits ein früher Typ-1-Diabetes besteht. Diese Information kann verständlicherweise Sorgen und Ängste auslösen.

Deshalb betonen die Expertinnen und Experten ausdrücklich, dass ein Screening nicht nur aus einer Blutuntersuchung bestehen darf.

Zu einem sinnvollen Früherkennungsprogramm gehören auch eine verständliche persönliche Aufklärung, regelmäßige medizinische Kontrollen und bei Bedarf psychosoziale Unterstützung.

Der internationale Konsensus empfiehlt deshalb, bevölkerungsweite Screeningprogramme nur dort einzuführen, wo nach einem positiven Befund auch die entsprechende Beratung, Schulung und medizinische Weiterbetreuung gewährleistet werden kann.

Fr1da-Früherkennung bereits in vielen Bundesländern möglich

In Deutschland gibt es mit Fr1da – Früherkennung und Frühbehandlung des Typ-1-Diabetes bereits eines der weltweit größten Programme dieser Art.

Seit Mai 2026 können Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren in zwölf Bundesländern im Rahmen der Fr1da-Studie untersucht werden:

Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die Untersuchung wird über teilnehmende Kinderarztpraxen angeboten.

Weitere Informationen zur Teilnahme gibt es bei Fr1da:
www.fr1da.de

Diabetes-Kids meint

Für Familien, die Typ-1-Diabetes bereits erlebt haben, klingt der Gedanke einer Diagnose vor den ersten Symptomen vielleicht zunächst ungewohnt. Viele erinnern sich noch sehr genau daran, wie plötzlich damals alles begann.

Starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Gewichtsverlust – und manchmal der direkte Weg in die Klinik.

Die Möglichkeit, Typ-1-Diabetes bereits lange vorher zu erkennen, könnte diesen klassischen Ablauf grundlegend verändern.

Ein Screening verhindert den Typ-1-Diabetes derzeit zwar nicht. Aber es kann verhindern, dass die Erkrankung völlig überraschend und möglicherweise mit einer schweren Stoffwechselentgleisung beginnt. Gleichzeitig gewinnen Kinder und Familien Zeit für Information, Vorbereitung und Begleitung.

Die inzwischen vorliegenden Daten aus der Fr1da-Studie zeigen zudem, dass ein solches Screening nicht nur theoretisch möglich ist, sondern sich auch in der normalen kinderärztlichen Versorgung umsetzen lässt. In der zehnjährigen Fr1da-Auswertung wurden mehr als 220.000 Kinder untersucht; etwa 0,3 Prozent hatten bereits beim ersten Screening einen frühen Typ-1-Diabetes. Von den Kindern, die im Studienverlauf einen klinischen Typ-1-Diabetes entwickelten, waren 81 Prozent zuvor durch das Screening bereits als frühes Stadium erkannt worden.

Die neuen internationalen Empfehlungen sind deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg von einzelnen Studien hin zu einer systematischen Früherkennung von Typ-1-Diabetes bei Kindern.

Vielleicht wird es irgendwann genauso selbstverständlich sein, Kinder auf frühe Stadien des Typ-1-Diabetes zu untersuchen wie auf andere Erkrankungen, bei denen eine rechtzeitige Diagnose entscheidende Vorteile bringt.

Quellen und weitere Informationen

Helmholtz Munich: „Experten empfehlen systematisches Screening von Kindern auf Typ-1-Diabetes“, 11. September 2026
Zur Meldung von Helmholtz Munich

Ziegler AG et al.: International consensus guidance for general population screening for islet autoantibodies to diagnose early-stage type 1 diabetes, Diabetologia, 2026.
Zur Originalpublikation in Diabetologia

Winkler C et al.: Screening Children for Early-Stage Type 1 Diabetes, JAMA 2026.
Zur Fr1da-Auswertung in JAMA

Forschung, Studien, Fr1da Studie, Helmholz Zentrum, Prävention

  • Erstellt am .

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