Misst mein CGM eigentlich den Blutzucker? Warum Sensor und Fingerwert voneinander abweichen können
Das CGM zeigt 68 mg/dl – die Messung am Finger aber 92 mg/dl. Welcher Wert stimmt denn jetzt?
Diese Situation kennen wahrscheinlich viele Familien mit einem Kind mit Typ-1-Diabetes. Besonders bei schnell steigenden oder fallenden Glukosewerten können CGM und Blutzuckermessgerät durchaus unterschiedliche Zahlen anzeigen. Schnell entsteht dann der Verdacht: „Der Sensor misst falsch.“
Doch ganz so einfach ist es nicht.
Auf einen interessanten Aspekt dieses Themas hat Derek Brandt, CEO des Diabetes Center Berne und selbst seit mehr als 35 Jahren mit Typ-1-Diabetes lebend, in einem ausführlichen LinkedIn-Beitrag aufmerksam gemacht: Ein CGM misst streng genommen gar nicht direkt den Blutzucker.
Es misst die Glukosekonzentration in der Flüssigkeit zwischen unseren Zellen – der sogenannten interstitiellen Flüssigkeit. Zwischen der Glukose im Blut und der Zahl, die schließlich auf Smartphone, Empfänger oder Insulinpumpe erscheint, liegen mehrere biologische und technische Schritte.
Und genau das erklärt viele der scheinbar rätselhaften Unterschiede im Diabetesalltag.
CGM und Blutzuckermessgerät messen an unterschiedlichen Orten
Bei einer klassischen Blutzuckermessung wird ein Tropfen Kapillarblut aus der Fingerbeere untersucht.
Ein CGM-Sensor sitzt dagegen im Unterhautfettgewebe. Das kleine Sensorfilament misst dort die Glukose in der Gewebsflüssigkeit, die die Körperzellen umgibt.
Glukose gelangt aus den Blutgefäßen zunächst ins Gewebe. Wenn sich der Glukosespiegel nur langsam verändert, liegen Blut- und Gewebeglukose deshalb meist relativ nah beieinander.
Anders kann das aussehen, wenn sich der Glukosewert schnell verändert – beispielsweise nach einer Mahlzeit, nach einer Insulingabe, beim Sport oder nach der Behandlung einer Unterzuckerung.
Dann kann sich die Veränderung im Blut bereits zeigen, während sie im Gewebe erst etwas später ankommt.
Auch die aktuellen Standards of Care 2026 der American Diabetes Association beschreiben CGM als Messung der interstitiellen Glukose und weisen darauf hin, dass insbesondere bei schnellen Glukoseänderungen Unterschiede zwischen CGM und Blutzuckermessung auftreten können.
Hängt das CGM wirklich immer 15 Minuten hinterher?
Immer wieder hört man den Satz:
„Der Sensor hängt dem Blutzucker ungefähr 15 Minuten hinterher.“
Als einfache Erklärung ist das zwar eingängig – medizinisch ist es aber zu pauschal.
Auch Derek Brandt weist darauf hin, dass es keine feste Verzögerung von 15 Minuten gibt. Was wir als „CGM-Lag“ wahrnehmen, besteht vielmehr aus verschiedenen Komponenten.
Zum einen braucht Glukose etwas Zeit, um vom Blut in die Gewebsflüssigkeit zu gelangen. Zum anderen entsteht aus der Glukose im Gewebe nicht unmittelbar die Zahl auf dem Display.
Der Sensor muss zunächst ein Signal erzeugen. Dieses Signal wird anschließend elektronisch verarbeitet und durch Algorithmen unter anderem gefiltert und geglättet.
Wie groß die Differenz zwischen Blut- und Sensorwert tatsächlich ist, hängt daher unter anderem davon ab,
- wie schnell sich die Glukose gerade verändert,
- welches CGM-System verwendet wird,
- wo der Sensor sitzt,
- wie das lokale Gewebe auf den Sensor reagiert,
- wie der jeweilige Sensor das Signal verarbeitet und
- welche Algorithmen der Hersteller zur Berechnung und Glättung der Werte einsetzt.
Dass man nicht pauschal von „15 Minuten Verzögerung“ sprechen kann, zeigen auch Angaben verschiedener Hersteller. Für einzelne aktuelle Systeme werden deutlich kürzere durchschnittliche Verzögerungen beschrieben. Entscheidend ist deshalb weniger eine feste Minutenangabe als die Erkenntnis: Blut- und Gewebeglukose sind zwei unterschiedliche Messgrößen, deren Verlauf zeitweise voneinander abweichen kann.
Der Sensor „sieht“ keine 126 mg/dl
Ein weiterer interessanter Punkt aus Brandts Beitrag: Das Sensorfilament erkennt nicht direkt eine Zahl wie „126 mg/dl“.
Bei den heute üblichen CGM-Systemen findet am Sensor eine elektrochemische Reaktion statt. Dadurch entsteht zunächst ein elektrisches Signal, dessen Stärke mit der vorhandenen Glukosekonzentration zusammenhängt.
Dieses Rohsignal kann jedoch beeinflusst werden – beispielsweise durch die Umgebung des Sensors im Gewebe, Druck auf den Sensor, Temperatur, Bewegungen oder Veränderungen während der Tragedauer.
Erst durch die Signalverarbeitung des CGM-Systems entsteht daraus der Glukosewert, den wir auf dem Smartphone sehen.
Oder anders ausgedrückt:
Auf dem Bildschirm treffen Biologie, Sensortechnik und Mathematik aufeinander.
Brandt beschreibt genau dieses Zusammenspiel als wesentlichen Grund dafür, warum die angezeigte Glukosekurve nicht einfach eine direkte Abbildung des Blutzuckers ist.
Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass CGM-Werte deshalb grundsätzlich ungenau oder nur grobe Schätzwerte wären. Moderne CGM-Systeme erreichen eine hohe Messqualität und sind bei entsprechender Zulassung dafür vorgesehen, Therapieentscheidungen auf Grundlage ihrer Werte zu treffen.
Warum können sogar zwei CGM-Sensoren unterschiedliche Werte anzeigen?
Wer schon einmal zwei Sensoren gleichzeitig getragen oder bei einem Systemwechsel verglichen hat, kennt vielleicht auch dieses Phänomen:
Sensor A zeigt 105 mg/dl, Sensor B gleichzeitig 122 mg/dl.
Auch das muss nicht bedeuten, dass einer der beiden Sensoren defekt ist.
Schon zwei Sensoren am selben Körper befinden sich niemals exakt in derselben Gewebeumgebung. Dazu kommen Unterschiede in Sensorchemie, Bauweise, Messintervallen und Algorithmen.
Ein System kann beispielsweise kurzfristige Veränderungen stärker darstellen, während ein anderes die Kurve stärker glättet.
Besonders sichtbar werden solche Unterschiede nach Mahlzeiten, bei Sport, bei einer schnell wirkenden Korrektur oder nach der Behandlung einer Hypoglykämie.
Deshalb sollte man zwei CGM-Systeme nicht allein danach beurteilen, ob sie zu jedem Zeitpunkt exakt dieselbe Zahl anzeigen.
Aber der Fingerwert stimmt doch – oder?
Auch das ist komplizierter, als man zunächst denkt.
Wenn CGM und Blutzuckermessgerät voneinander abweichen, betrachten wir den Fingerwert häufig automatisch als „richtigen“ Wert.
Doch auch Blutzuckermessgeräte besitzen eine zulässige Messunsicherheit.
Das Messergebnis kann unter anderem durch Teststreifen, Temperatur, Blutmenge oder Verschmutzungen an den Fingern beeinflusst werden.
Eine Blutzuckermessung zu Hause ist deshalb ebenfalls keine Labormessung.
Brandt bringt es treffend auf den Punkt: Beim Vergleich von CGM und Fingerwert vergleichen wir im Grunde zwei unterschiedliche Messverfahren – eine Messung der interstitiellen Glukose mit einer Messung der Glukose im Kapillarblut. Keine davon entspricht einer hochpräzisen Laborbestimmung.
Auch die ADA weist ausdrücklich darauf hin, dass Blutzuckermessgeräte Messabweichungen haben können und ein Wert, der nicht zur klinischen Situation passt, überprüft werden sollte.
Ein einzelner Wert erzählt nicht die ganze Geschichte
Eine der größten Veränderungen durch CGM besteht ohnehin darin, dass wir Diabetes heute nicht mehr nur anhand einzelner Messwerte betrachten.
Früher gab es beispielsweise morgens einen Blutzuckerwert, einen vor dem Mittagessen und vielleicht einen weiteren am Nachmittag. Was zwischen diesen Messungen geschah, blieb weitgehend unsichtbar.
CGM zeigt dagegen einen Verlauf.
120 mg/dl mit waagerechtem Trendpfeil ist eine andere Information als 120 mg/dl mit steil nach unten zeigendem Pfeil.
Der einzelne Zahlenwert ist derselbe. Die Situation kann trotzdem völlig unterschiedlich sein.
Genau deshalb sind neben dem aktuellen Wert auch Verlauf, Trendpfeil und Kontext wichtig:
Wann wurde zuletzt gegessen?
Wie viel Insulin wirkt noch?
Gab es Sport?
Wurde gerade eine Hypoglykämie behandelt?
Passt der Verlauf zu dem, was wir erwarten?
Brandt beschreibt dies als einen grundlegenden Wandel durch CGM: weg von einzelnen Momentaufnahmen, hin zum Verständnis von Glukoseverläufen.
Bei AID-Systemen wird das noch wichtiger
Eine zusätzliche Dimension bekommt das Thema durch moderne AID-Systeme.
Denn hier betrachtet nicht nur ein Mensch den CGM-Wert.
Der Algorithmus der Insulinpumpe arbeitet damit.
Sehr vereinfacht läuft die Informationskette so:
Glukose im Blut → Glukose im Gewebe → Sensorsignal → CGM-Algorithmus → angezeigter Glukosewert → AID-Algorithmus → Insulinabgabe
Der CGM-Wert kann damit unmittelbar Einfluss darauf haben, ob eine Pumpe beispielsweise die Insulinabgabe reduziert, Basalinsulin erhöht oder einen automatischen Korrekturbolus abgibt.
Das ist einer der Gründe, warum CGM, Insulinpumpe und Algorithmus bei einem AID-System eigentlich nicht mehr als völlig getrennte Komponenten betrachtet werden sollten. Sie bilden gemeinsam ein therapeutisches System.
Die ADA empfiehlt AID-Systeme inzwischen ausdrücklich auch für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes, sofern das System von ihnen oder ihren Betreuungspersonen sicher genutzt werden kann.
Was tun, wenn Fingerwert und CGM deutlich auseinanderliegen?
Zunächst einmal gilt: Eine Abweichung bedeutet nicht automatisch, dass der Sensor defekt ist.
Hilfreich ist es, die gesamte Situation zu betrachten.
Steigt oder fällt die Glukose gerade sehr schnell? Wurde gerade gegessen, Insulin gegeben oder eine Hypoglykämie behandelt? Wurde auf dem Sensor gelegen? Ist der Sensor ganz neu? Passt der angezeigte Wert zum Befinden des Kindes?
Besonders wichtig ist jedoch:
Wenn Symptome und CGM-Wert nicht zusammenpassen oder der Sensorwert offensichtlich unplausibel erscheint, sollte entsprechend den Hinweisen des jeweiligen Herstellers mit einem Blutzuckermessgerät kontrolliert werden.
Sowohl Abbott als auch Dexcom weisen darauf hin, bei einer solchen Diskrepanz eine Blutzuckermessung durchzuführen. Auch die ADA empfiehlt Menschen mit CGM, weiterhin jederzeit Zugang zu einem Blutzuckermessgerät zu haben.
Eine mögliche Kalibrierung sollte nur durchgeführt werden, wenn das verwendete System dies vorsieht beziehungsweise zulässt und die entsprechenden Herstellerhinweise beachtet werden.
Was Familien daraus mitnehmen können
Die wichtigste Erkenntnis ist vielleicht:
CGM und Blutzuckermessgerät messen nicht dasselbe am selben Ort.
Deshalb müssen beide Werte nicht zu jedem Zeitpunkt identisch sein.
Gerade bei schnellen Veränderungen können Unterschiede vollkommen plausibel sein. Gleichzeitig sollte ein Wert, der nicht zur Situation oder zu den Symptomen des Kindes passt, ernst genommen und überprüft werden.
CGM hat das Leben mit Typ-1-Diabetes grundlegend verändert. Es ermöglicht uns heute nicht nur zu sehen, wo der Glukosewert gerade liegt, sondern auch, woher er kommt und wohin er sich bewegt.
Vielleicht ist deshalb die Frage, die Derek Brandt am Ende seines Beitrags stellt, tatsächlich die spannendere:
Nicht nur: „Ist diese eine Zahl exakt richtig?“
Sondern vielmehr:
„Liefert mir das System die Informationen, die ich brauche, um eine gute und sichere Therapieentscheidung zu treffen?“
Für Familien mit einem Kind mit Typ-1-Diabetes bedeutet das nicht, einzelne Werte zu ignorieren. Es bedeutet vielmehr, sie im Zusammenhang zu betrachten – zusammen mit Trendpfeilen, Verlauf, Insulinwirkung, Essen, Bewegung und vor allem mit dem Befinden des Kindes.
Und genau darin liegt eine der großen Stärken moderner Diabetes-Technologie.
Hintergrund: Dieser Beitrag wurde angeregt durch den LinkedIn-Artikel „Your CGM Is Not Measuring Your Blood Glucose“ von Derek Brandt vom 17. September 2026. Brandt beschreibt darin sehr anschaulich das Zusammenspiel aus Physiologie, Sensortechnik und Algorithmen bei der kontinuierlichen Glukosemessung.
Quellen und weiterführende Literatur:
Derek Brandt: Your CGM Is Not Measuring Your Blood Glucose, LinkedIn, 17.09.2026.
American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes:
7. Diabetes Technology: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care 2026;49(Suppl. 1)–S165.
https://doi.org/10.2337/dc26-S007
American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes:
14. Children and Adolescents: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care 2026;49(Suppl. 1)–S320.
https://doi.org/10.2337/dc26-S014
Rebrin K, Sheppard NF Jr, Steil GM:
Use of Subcutaneous Interstitial Fluid Glucose to Estimate Blood Glucose: Revisiting Delay and Sensor Offset. Journal of Diabetes Science and Technology. 2010;4(5):1087–1098.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20920428/
Bequette BW:
Continuous Glucose Monitoring: Real-Time Algorithms for Calibration, Filtering, and Alarms. Journal of Diabetes Science and Technology. 2010;4(2):404–418.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2864177/
Facchinetti A:
Continuous Glucose Monitoring Sensors: Past, Present and Future Algorithmic Challenges. Sensors. 2016;16(12):2093.
https://doi.org/10.3390/s16122093
Abbott Diabetes Care – FreeStyle Libre:
Offizielle Herstellerinformation mit dem Hinweis, bei Werten bzw. Alarmen, die nicht zu Symptomen oder Erwartungen passen, eine Blutzuckermessung durchzuführen.
https://www.freestyle.abbott/uk-en/products/freestyle-libre-2.html
Dexcom:
What Should I Do If My Sensor Reading and Capillary Blood Glucose Value Don’t Match? – Erklärung zu Unterschieden zwischen Gewebeglukose und Blutzuckermessung sowie zum Vorgehen bei nicht plausiblen Werten.
https://www.dexcom.com/en-GB/faqs/sensor-vs-meter-readings
CGM System, Kontinuierliche Blutzuckermessung, Blutzuckermessung, Expertenrat, Technik
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