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Ein Segelsommer geht zu Ende. Schleipiraten Saison 2010

image001Ein Samstag im Oktober, Morgennebel liegt in Schleswig über der Schlei, ein bisschen Vorgeschmack auf das Schmuddelwetter, das uns in den nächsten Monaten erwarten wird. Die Mitglieder des Holmer-Segel-Vereins Schleswig e.V. ziehen die hölzernen Fischerkähne auf der Slipbahn vor dem Vereinshaus aus dem Wasser und bringen die schweren Boote ins Winterlager.  Auch für die Schleipiraten ist mit dem Aufslippen ein schöner Segelsommer  zu Ende, schade, aber im nächsten Jahr kann es dann ja weiter gehen.

Seit acht Jahren ist im Sommer Schleipiraten-Zeit. Jedes Jahr treffen sich dann Kinder und Jugendliche, um Abenteuer zu erleben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Spaß haben am Leben draußen, am Segeln, Schwimmen, Erkunden, Klettern und vielem mehr. Die andere Gemeinsamkeit ist, dass sie alle Diabetes haben. Das ist zwar wichtig, aber es spielt nicht die Hauptrolle.

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Hier an der Schlei gibt es tausend Möglichkeiten für Abenteuer. Die  Schlei ist ein Ostseefjord.  Das blaugrüne Wasser riecht salzig und frisch,  im Sommer ist es ideal zum Baden. An den Ufern der Schlei liegen grüne Wiesen, rundherum hügeliges Land.  Es gibt kleine Inseln und versteckte Lagerplätze in Buchten. Eine Landschaft zum Wohlfühlen. Hier wollen die Schleipiraten das Leben genießen. Die Schlei ist eines der schönsten Segelreviere in Deutschland. Jedes Jahr besuchen tausende Segeltouristen die Schlei mit ihren Jachten. Lange vor unserer Zeit wurde schon auf der Schlei gesegelt. Hier lag die sagenumwobene Wikinger-Stadt Haithabu, ein reicher Handelsplatz. Mit ihren schnellen Segelschiffen brachten die Wikinger Waren und Schätze über von weither nach Haithabu. Das ist fast tausend Jahre her. Doch auf unseren Abenteuern können wir die Spuren der Wikinger heute noch entdecken.

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Im Juli 2010 begann in Schleswig wieder die Schleipiratenzeit. Jeden Freitag-Nachmittag war an der Fischersiedlung Holm Treffpunkt. Gemeinsam wurden die Boote „aufklariert“, was in der Seglersprache so viel wie vorbereiten heißt. Unsere Boote sind „Schleikähne“, sie waren früher die Arbeitsschiffe der Fischer vom Schleswiger Holm. Die Kähne haben ein bisschen Ähnlichkeit, mit der „Drachenbooten“, so hießen die Schiffe der Wikinger, weil diese mit einem Drachenkopf verziert waren, aus Holz geschnitzt. Die Fischerkähne sind nicht verziert, sie haben Namen, die zu den Fischern passen: „Hein Meister“, Hanne Dalli“, „Lüdde Ole“.  Heute kümmert sich der Holmer Segel Verein darum, dass diese alten Kähne erhalten und benutzt werden. Wir segeln die Kähne mit Mannschaften von bis zu acht „Seeleuten“ und werden dabei von den erfahrenen Seglern des HSVS angeleitet. In den Übungsstunden freitags bringen sie uns bei, wie das Segeln funktioniert, wir lernen die Seemannsknoten und das Steuern, auch „Navigation“ genannt. Ohne die Navigation geht beim Segeln gar nichts. Für jedes Schiff, ob Nussschale oder Riesentanker, ist es wichtig, dass die Mannschaft weiß, wo sich das Schiff befindet, denn auf dem Wasser oder darunter lauern auch Gefahren, wie Riffe oder flache Stellen, sog. Untiefen, auf die das Schiff auflaufen könnte. Zum Navigieren gibt es Hilfsmittel, wichtig ist der  Kompass, der dir Himmelsrichtung und Kurs weist, bei Steuern des Boots findest du mit dem Kompass, mit Landmarken und Seezeichen heraus, welchen Kurs dein Schiff fährt, eine Seekarte enthält Informationen über das Seegebiet, in dem du fährst, in der Karte sind die Wassertiefen, Wracks, Riffe usw. eingezeichnet. Auf hoher See, wo kein Land zu sehen ist, braucht man andere Geräte wie einen Sextanten oder moderne Navigationsgeräte. Wichtig ist es, deinen Kurs in einem Logbuch aufzuschreiben, damit du immer genau weißt, an welcher Stelle des Kurses dein Boot ist. Im Logbuch steht alles Wichtige über die Fahrt, den „Törn“ drin,  zum Beispiel wer mitfährt, wie das Wetter ist, welche Segel gefahren werden, welche Kurse gesteuert werden usw. Mit dem Logbuch kann jede Schiffsreise nachvollzogen werden.

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Beim Diabetes gibt es auch Navigation, die machst du selbst, und die ist wichtig, damit du beim Diabetes keinen Schiffbruch erleidest. Weißt du, was  gemeint ist? Die Werkzeuge hast du jeden Tag in der Hand: Dein Messgerät und die Teststreifen sind der Diabetes-Kompass, damit findest du heraus, auf welchem Kurs dein Blutzucker steuert, mit der richtigen Insulindosis, passend zu deinem Essen und Trinken steuerst du den Kurs und dein Tagebuch, das ist dein persönliches Diabetes-Logbuch.  Mit Hilfe der Blutzuckermessung kannst du leicht zwischen den Höhen und Tiefen im Diabetes-Alltag steuern. Wenn du dein Diabetes-Logbuch führst, dann merkst du rechtzeitig, wenn etwas aus dem Kurs läuft und kannst etwas dagegen tun, nämlich korrigieren. Du kannst dich rechtzeitig darauf einstellen, wenn du zum Beispiel beim Segeln oder beim Sport viel Kraft brauchst oder wenn es deftige (Seemanns-)kost zu essen gibt. Diese Erfahrungen helfen uns allen nicht nur auf dem Wasser, sondern jeden Tag.

An den Segel-Nachmittagen trainierten wir das Kahnsegeln in kleinen Mannschaften. Zum Abenteuerwochenende der Schleipiraten vom 20. bis 22.August kam dann die ganze Gruppe zusammen, vom kleinen Schleipiraten, wie dem sechsjährigen Noah bis zu Diandra, die bald sechzehn wird. In der Gruppe gibt es „alte Hasen“, wie Chiara, die schon zum vierten Mal dabei ist und auch „grüne Heringe“ wie Tom oder Fabian, die in diesem Jahr das erste Mal mitmachten. Aber das Segeln lernen alle schnell,   Schleipiraten lernen im Team viel voneinander. Ganz selbstverständlich.  Es ist immer jemand da, den du fragen kannst. Beim Segeln sind es die Leute vom Holmer Segel Verein, die uns helfen. Zum Diabetes gibt es fachkundige Unterstützung, da sind Astrid und Dietlinde die Diabetesberaterinnen aus der Praxis von Dr. Petersen, Carsten, wie wir Piraten ihn nennen. Genauso haben Birgit, Inken, Elke, Anita, Jogi und Sönke für jede Frage ein offenes Ohr.  Manchmal sind es Kleinigkeiten, die das Leben leichter machen, ob es um das Pieksen zum Blutabnehmen, das Blutzucker testen, den Umgang mit den Pens geht und solche Kleinigkeiten kann man bei den Abenteuertagen gut lernen. Manche von uns tragen Insulinpumpen, da gibt es viel zu beachten und man kann gut voneinander lernen. Auch mal ausprobieren, wie es geht, so eine Pumpe zu benutzen, wie das Gefühl ist, einen Pumpenkatheter zu tragen, bei all der Bewegung, die wir bei den Abenteuertagen haben.

Die Abentertage begannen mit bestem Wetter. In einer großen Flotte segelten wir vom Hafen am Holm raus auf die Kleine Breite. Mit uns segelten die „Lüttsegler“, die Jugendgruppe des HSVS mit ihren Optis und Teenies, wie die kleinen Jollen heißen. Es ging  raus auf die „Kleine Breite“ bis zur „Stexwiger Enge“. Die Schlei hat ganz schmale Stellen, „Engen“ genannt, da ist das Wasser kaum breiter als ein kleiner Fluss, du könntest meinen, hier springst du von einem Ufer zum anderen, aber das würdest du dann doch nicht schaffen. Auf der anderen Seite ist die Schlei mehrere Kilometer breit, wie ein riesiger See, diese Stellen sind die „Breiten“, da gibt es oft auch richtige Wellen. Anfangs hatten einige ein bisschen Angst, wie es wohl sein würde auf den Booten, wie es schaukelt, was passiert, wenn der Wind mehr bläst. Dann packte uns der Ehrgeiz, jede Kahn-Mannschaft wollte die schnellste sein, alle gaben sich Mühe, das Boot richtig zu „trimmen“, damit ist die beste Segelstellung, kluges Steuern an der „Windkante“, aber auch die beste Verteilung des Gewichts gemeint. Der Wind hat viel Kraft, um schell zu sein, brauchst du einen guten Trim. Das macht viel Spaß, aber es kostet auch ganz schön Kraft. Bestimmt kennt jeder das Wort „Seekrankheit“. Bei Seekrankheit ist einem schwindelig und übel, manche müssen sich übergeben. Für  Diabetiker wäre das natürlich doppelt schwierig. Geht es einem doch auch nicht so gut, wenn wir eine Hypo haben oder wenn der Zucker nach oben entgleist. Auf die blöde Seekrankheit kannst du dann gut verzichten!    Ja, noch ein Grund, auch auf dem Wasser zu wissen, wie es um den Blutzucker steht. Noch ist keiner der Schlei-Piraten seekrank geworden. Das ist gut so, vielleicht liegt es daran, dass wir immer gut vorbereitet sind. Gerade auf dem Wasser müssen wir überlegen, dass  wir mit dem Diabetes gut klar kommen. Stell dir nur vor, in deiner Jackentasche hast du Traubenzuckertäfelchen. Du segelst bei gutem Wind, es macht richtig Spaß, durch die Wellen zu fahren, es ist total schön, aber anstrengend. Dann kriegst du eine Hypo beim Segeln, greifst in deine Tasche, um ein Traubenzucker zu nehmen, aber statt der Dextrotäfelchen ist nur noch klebriger Schleim in der Folie, Wasser ist eben nass!  Das würde so nicht gut gehen. Deshalb denken wir voraus, denn auf dem Wasser gilt: Safety first! Schwimmwesten zu tragen ist selbstverständlich und auf unsere Diabetes-Sachen passen wir besonders gut auf. Wir benutzen verschließbare Ziploc-Beutel, damit Messgerät, Teststreifen, Pens und Traubenzucker trocken bleiben.  Gute Erfahrungen haben wir auch mit kleinen Weingummitüten oder Glucosesirup in kleinen reißfesten Schläuchen gemacht. Die sind auf dem Wasser sehr praktisch.  Der Inhalt wird nicht nass und sie gehen in der Tasche nicht kaputt. Wenn du schnelle Glucose brauchst, sind sie ruckzuck zur Hand.

Nach unserm Törn machten wir alle ein bisschen kaputt unsere Boote direkt vor dem Bootshaus des HSVS fest, so hatten wir sie stets im Auge, oben vom Jugendraum, unserem „Piratennest“.  Nachdem alles fest vertäut war, gab es ein Päuschen und dann ging es weiter. Auch im Lager der Schlei-Piraten läuft nicht alles von alleine. Es gibt einige Jobs, die wir jeden Tag zu erledigen haben. Schließlich macht das Leben auf und am Wasser dich echt hungrig. Also, es muss ab und zu etwas zum Beißen her! Schlei-Piraten haben Hunger auf was Echtes. Das machen wir auch zusammen, Gemüse putzen und schneiden, Teig kneten, sogar Fische zubereiten haben wir gelernt. Gemeinsam kochen macht großen Spaß, gemeinsam essen ist doppelt lecker und zusammen abwaschen und abtrocknen beim Küchendienst ist auch nicht schlimm, weil schnell erledigt.

Danach hatten wir noch Zeit, die Gegend zu erkunden. Unser Bootshaus liegt auf dem Gelände der „Freiheit“, auch ein Name aus der alten Zeit der Holmer Fischer, einst verbrachten die Schleswiger Familien hier ihrer Freizeit am Wasser, das war vorbei, als das Gelände zu einer Kaserne wurde, aber die wurde abgebaut, jetzt entsteht hier gerade ein neuer Stadtteil. Einen Spiel- und Sportplatz gibt es schon mit Super-Kletterwand, Skate-Pool und Bolzplatz, prima für uns zum Austoben. Uns wurde wieder so warm, dass wir uns hinterher erstmal wieder beim Baden in der Schlei abkühlen mussten.  Und dann waren wir auch bald ganz schön müde und kuschelten uns in die Schlafsäcke. Dass Birgit und Carsten uns nachts zum Blutzucker-chek kurz weckten, haben wir kaum mitgekriegt, aber nach der ganzen action war das wichtig.

Der Samstag begann früh, mutig sprangen wir zum Morgenbad in die Schlei, danach schmeckt das Frühstück doppelt lecker. Für den Tag hatten wir ein besonderes Abenteuer vor. Wir wollten nach Haithabu, zum Wikingermarkt. Beim Segeln stoßen wir oft in für uns unbekannte Landschaften vor. Durch Kanal kann man auf die Bucht von Haddeby fahren, wo früher die Wikingerstadt Haithabu lag.  Das Wetter machte unseren Törn richtig schwer, es wehte ordentlich und leider genau aus der Richtung, in die wir  segeln wollten, also mussten wir gegen den Wind kreuzen, hilft nix, „wat mutt, das mutt“, heißt es an der Küste. Schleipiraten lassen sich nicht so schnell entmutigen, mit vereinten Kräften schafften wir es auch, uns entlang von Tauen gegen die Strömung im Kanal in das Noor vor Haithabu zu ziehen. Das Noor ist sehr schön, fast  wie verzaubert, hier ist die Zeit irgendwie stehen geblieben. Haithabu bedeutet „Ort auf der Heide“, sanfte Hügel begrenzen das Noor. Noch heute besteht der gewaltige halbrunde Erdwall, der einst die aus Holzhäusern gebaute Stadt umgab. Es sind einige Häuser im Stil der Wikingerzeit neu aufgebaut worden.  Wir besuchten den Wikingermarkt, Zelte und Marktstände  mit handgefertigten Waren, Broschen, Taschen, andere Leder- und Holzsachen, aber auch Schmiedewaren. Die Leute auf dem Markt, beschäftigen sich in ihrer Freizeit mit der Wikingerzeit, sie waren angezogen wie früher in ihren gewebten langen Kleidern in schönen Farben.  Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dass du dir vorstellen kannst, wie das Leben und die Arbeit damals waren. Aber die Zeit vor mehr als tausend Jahren hatte bestimmt auch viele Nachteile, die Leute sind damals nicht sehr alt geworden. Nicht nur, weil es viele Überfälle und Kriege gab. Viele Krankheiten konnten damals nicht behandelt werden. Mit Diabetes hatte ein Wikingerkind damals keine Chancen zu leben, die Insulintherapie gibt es seit gerade einmal knapp neunzig Jahren….

Doch unsere Reise war noch nicht zu Ende, glücklicherweise war der Rückweg viel leichter, den Wind hatten wir jetzt im Rücken, mit „Schiebewind“ ging es in Rauschefahrt zurück, das Wasser sprudelte nur so um den Bug der Kähne. Bald lagen die Kähne wieder fest klariert an den Stegen im Hafen und wir machten uns zurück zum Bootshaus, wo uns unsere Familien mit einem gedeckten Tisch zum Ausklang erwarteten.  Alle waren gesund und munter, hatten fröhliche und rosige Gesichter und sehr viel zu erzählen. Das Schöne an den Abenteuern der Schlei-Piraten ist, dass wir viel ausprobieren. Wir segeln über das Wasser, dabei sind wir eine Crew, einer kann sich auf die anderen verlassen und jeder von uns hat eine Aufgabe. Wir erforschen Unbekanntes und lernen tolle Dinge kennen. Vom Segeln zurück merken wir, was wir für starke Muskeln haben.  Wir wissen, dass wir eine ganze Menge können und verstehen uns gut miteinander.  Die Abenteuertage sind eine tolle Sache. Abenteuer machen viel Spaß, wir erleben sehr viel und lernen fürs Leben  - ohne dass es schwer fällt.

Die Schleipiraten bedanken sich bei folgenden Spendern und Förderern, ohne deren Unterstützung die Abenteuertage nicht möglich wären:
Abbott Diabetes-Care, Bayer-Vital, Mediq-direkt,  Medtronic Minimed, Med-Trust, Novo Nordisk, Roche Diagnostics, Sanofi-Aventis, Holmer-Segel-Verein e.V. und der Diabetes-Schwerpunktpraxis Schleswig

Quelle: Bericht von Dr. Carsten Petersen vom 31.10.2010

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