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Diabetes-Kids Elternblog ERLEBNISPÄDAGOGIK - WIR GEHEN DANN MAL KANUFAHREN

Dieses Jahr wurde ich schon vor Schulbeginn in der Schule erwartet. Es gab viel zu besprechen. Unter anderem, dass schon in zwei Wochen der erste Ausflug stattfinden sollte. Nicht einfach nur wandern und was angucken. Oh nein! Sondern Erlebnispädagogik. Worum es sich dabei handelte, hatte ich natürlich auf dem Schirm. Schließlich kannte ich die Truppe noch vom Schullandheim. Aber das die auch Kanufahrten anboten, kam für mich dann doch etwas unerwartet.

Bei diesen Ausflügen geht nicht nur darum, gemeinsam Spaß zu haben, sondern man verfolgt damit ein konkretes pädagogisches Ziel.

Bis zum Augenblick der Wahrheit dachte ich, dass ich einen der Guides im Kanu sitzen haben würde. So im Geschehen drin, war ich getrieben von der schnellen Abfolge an Ereignissen, dass ich gar nicht dazukam zu insistieren. Und schon saß ich allein im Boot. Mit drei Kindern und Diabetes im Gepäck. Was für eine krasse Nummer! Mein Ziel schien mal wieder darin zu bestehen, über mich hinauszuwachsen und meine Kaltwasserphobie in den Griff zu bekommen. Ruhe und Zuversicht auszustrahlen, obwohl ich Puls hatte und das Herz irgendwo unter meiner Sitzbank pochte. Zwischenzeitlich hatte ich schon darüber nachgedacht, aus dem Boot zu springen, aber ich war dann doch zu beschäftigt, die Wogen der Verzweiflung und Hysterie in ruhigen Bahnen zu lenken.

Ein letzter Check, obwohl es dafür ja eindeutig schon zu spät war. Einfach nur zur Beruhigung.

  • Alle hatte  Schwimmwesten an. Check!
  • Kind mit Diabetes saß ganz vorn. Das Lesegerät vom Sensor war in meiner Hosentasche wasserdicht verpackt. Check!
  • Notfallspray. Check!
  • Ein Trinkpäckchen, sowie Traubenzucker in flüssig und fest befand sich in meiner Bauchtasche. Check!
  • Noch mal tief durchatmen und so tun, als ob du Herr der Lage bist. So ruhig wie ein See und nicht fließend wie das Gewässer unter meinen … Hintern. Check!

WENIGE MINUTEN SPÄTER

X ließ unser Kanu, als es ängstlich aufsprang, bedrohlich zur Seite kippen. Würde ich gleich einen Herzinfarkt bekommen, wenn das kalte Wasser mir bis zum Hals stand? Synchron zum Gedankengang und dem Kreischen auf der rechten Seite rief ich:

  1. X! Sit down please! Okay, and now paddle left!“
  2. Y warte bis X soweit ist“
  3. X please left! Z, du musst auch links paddeln! Super, Great!“

Nach dieser ersten Krise reichten dann nur noch die Richtungsangaben in der Sprache, die verstanden wurde. Ach, das hatte ich gar nicht erwähnt. X sprach kein Deutsch, was verständlich ist, wenn man erst ein paar Tage in Deutschland lebt.

Wir liefen ein paar Mal auf Grund oder landeten am Ufer, schrammten über Baumstämme und bewältigen kleine Abfälle, wo ich mich jetzt frage, warum keins der Kinder zu weinen angefangen hat. So ganz vorne hätte ich nicht sitzen wollen. Zum Schluss konnten wir sogar wenden und ein Stück stromaufwärts fahren.

Was das alles an Energie kostete, war schon beachtlich. Am Ende hatte ich fast alles, was sich in meiner Bauchtasche befand, aufgebraucht und musste auch mal energisch einfordern, dass der flüssige Traubenzucker genommen werden musste, ob die Geschmacksrichtung nun genehm war oder nicht. Am Ende des Tages waren alle ordentlich erschöpft, denn die Kanus mussten ja noch an Land geschleppt, 200 Meter getragen werden, dann wieder zurück ins Wasser, am Ziel wieder aus dem Wasser gezogen und dann, ja dann stand noch die Heimfahrt mit Bus und Bahn an.

***

Jetzt habe ich den ganzen Ausflug ziemlich komprimiert. So hopplahopp läuft in der Schule natürlich rein gar nichts. Die Kinder wurden gut vorbereitet und dafür gesorgt, dass es auch der Letzte mitbekam, was auf sie zukam. Vorab gab es vom Team, die den Ausflug begleiteten und leiteten eine Einweisung. Alle Kinder hatten Schwimmwesten an und wir Erwachsene natürlich auch. Sie kümmerten sich um den Transport der Rucksäcke und Dinge, die nicht in die Boote passten. Was mit musste, wurde in Fässer wasserdicht verpacktBefand sich allerdings außerhalb meiner Reichweite im Kanu der Guides. Quasi in Timbuktu.

Da meine Hauptaufgabe im Managen des Diabetes bestand, kümmerte ich mich, während die Kinder die Kanus zum Ufer trugen, erst einmal darum. Man kann sich in so einer Sache niemals nur auf die Kompetenz eines neunjährigen Kindes verlassen! Kinder sind keine Erwachsene. Zwar ging ich mit ihm durch, was es dabei haben sollte. Hatte auch gesehen, wie die Sachen eingesteckt wurden. Allerdings wanderten die Sachen vermutlich in dem Moment, als ich meine Weste bekam, dann doch im Transportwagen bei den Rucksäcken. 

Zum Glück hatte ich das Lesegerät in MEINE Hosentasche gesteckt. Wasserdicht verpackt. Da ich ja hinten in einen Abstand von ungefähr zwei Metern saß und man im Kanu auch nicht mal aufstehen konnte. Zumindest nicht, wenn man trocken bleiben möchte. Wie sich beim Tun herausstellte, war man ständig im Einsatz und keins der Kinder hatte mal eine Hand frei. Meine prall gefüllte Bauchtasche hatte mich anfangs etwas behindert, aber nachdem sich herausstellte, dass mein Schützling seinen Traubenzucker mit der Jacke abgegeben hatte, ließ ich ein paar Schrecksekunden verstreichen. Könnte auch eine Minute gewesen sein. (Strafe musste sein.) Erlebnispädagogik Diabetes.

Ich ließ die Einkenntnis erst mal unkommentiert sacken. Vor genau diesen Situationen warne ich jedes Mal. Es gibt sie. Sie kommen aus dem Nichts. Traubenzucker muss immer am Mann, Frau oder Kind sein! Nicht in irgendeiner Tasche in Timbuktu. Wie oft habe ich es erlebt, dass man nicht mehr die Zeit oder die Kraft hat, lange herumzusuchen. Es ist ja meistens dann auch so, dass die Kids das mental durch die Unterzuckerungen gar nicht mehr auf die Kette bekommen, Schnallen zu öffnen und in den Katakomben ihrer Schultaschen und Rucksäcke nach  Traubenzucker zu suchen. Das sind dann die Momente, wo sie auf Hilfe angewiesen sind, was vermeidbar wäre, wenn man sich an diesen Rettungsanker halten würde. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer, wird aber deutlich reduziert.

Zurück zu unseren Guides. Die passten natürlich auf uns auf. Einer kam nach uns schauen, weil wir nicht nachkamen, was dran lag, dass wir auf Grund gelaufen waren und noch nicht wussten, wie wir uns aus der misslichen Lage selbst befreien konnten. Nachdem wir das geschafft hatten, blieben wir in Sichtweite der restlichen Kanus und bekamen mit, dass die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten. Beim Zwischenstopp, als wir die Boote aus dem Wasser, den Hang hochzogen und oberhalb des Wehres vorbei trugen, wurde eine Vesperpause eingelegt. Dann konnte es gestärkt wieder aufs Wasser gehen. Das war dann der Abschnitt, wo wir uns gut eingespielt hatten und es richtig Spaß machte, auch wenn den Kindern die Erschöpfung anzumerken war. Kanufahren ist anstrengender als es aussieht, da man wie beim Radfahren permanent im Einsatz ist. Links, rechts, left and right.

***

In solchen Situationen sind Grundschulkinder mit Diabetes noch überfordert. Sie müssen zu viel zu gleich beachten. Im Blick haben. Ein Moment nicht bei der Sache kann der Angelegenheit eine recht ungünstige Wendung geben. Es gibt Situationen, in denen es keinen zweiten Versuch gibt. Keine Umkehr. Man muss den Kopf bei der Sache haben. Den Überblick behalten. Na ja, zum Glück sind da alle Kinder gleich. Ob es nun der Traubenzucker, das Antiallergikum oder das Astmahnspray ist. Wenn man es dringend braucht, aber nicht hat … Sie wachsen an den Herausforderungen gleichermaßen, wie wir Erwachsenen.

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