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DÜRNAU - Als er drei Jahre alt war, ist Stefan in ein Koma gefallen. Die erschreckende Diagnose: Diabetes mellitus. Wenn dies für die meisten Diabetes-Kinder den Abschied von einer "normalen" Kindheit bedeutet, durfte Stefan in seinem gewohnten kindlichen Lebenskreis bleiben - dank seiner Erzieherinnen im Dürnauer Kindergarten. Es hat nicht viel gefehlt, dann wäre Birgita Junger körperlich und seelisch als Mutter ihres zuckerkranken Kinds zerbrochen. Tag und Nacht - rund um die Uhr - forderte Stefan nun ihre Aufmerksamkeit mit ununterbrochener genauer Beobachtung, mit Blutzuckerkontrollen, Zwischenmahlzeiten und Insulinspritzen. Das Schlimmste aber, wenn der Kleine wimmerte: "Mama, ich will nicht mehr..."Und dann die Wende. Denn Patricia Hawel, die Leiterin des Dürnauer Kindergartens, nahm den kranken Stefan ohne Wenn und Aber wieder in ihre Obhut. Auch ständige Beobachtung, das Messen des Zuckerspiegels und das Spritzen machen Stefan für sie nicht zum "Problemfall". "Jedes Kind erfordert unsere Aufmerksamkeit. Ob ich beobachte, wie ein Kind mit Schere und Stift umgeht, oder ob Stefan vielleicht durch seinen gerade erhöhten Zuckerspiegel besonders unruhig wird. Der Bub ist für uns keine Ausnahme", spricht sie auch für ihre Kollegin Maria Fischer.
Souverän mit Insulinspritze
Zwar ist die Mama, Birgita Junger, immer noch per Handy jederzeit rufbereit für unerwartete Zwischenfälle. Aber damit ist eigentlich nicht mehr zu rechnen, denn die Erzieherinnen und nicht zuletzt der kleine Patient selbst haben Stefans Diabetes voll im Griff. Auch auf Ausflüge oder besondere Kindergartenaktionen braucht Stefan, dem niemand seine Krankheit ansieht, nicht zu verzichten: "Wie andere Kinder mal ein Pflaster, braucht Stefan vielleicht mal eine Spritze", erklärt Patricia Hawel, wie man im Kindergarten "total normal" mit Stefans Handikaps umgeht. Die Spritze setzt sich der Sechsjährige inzwischen schon selbst, und sobald er die Zahlen beherrscht, wird er auch mit dem Messgerät für den Zuckerspiegel und der Dosierung der Insulinspritze souverän umgehen.
Den ab und zu zur Hebung des Zuckerspiegels notwendigen Müsliriegel hat Stefan immer griffbereit. "Die Kinder haben durch Stefan auch besondere Rücksichtnahme und Toleranz gelernt - und umgekehrt." Stefan muss oft zuschauen, wenn die anderen Kinder essen. Die müssen wiederum akzeptieren, wenn Stefan kleine Sonderbehandlungen erfährt oder außer der Reihe Süßes naschen darf - was es sonst prinzipiell nicht gibt.
Die Eltern, Birgita und Edi Junger, sind dankbar und können sich glücklich schätzen, wenn sie sich mit den Eltern anderer Diabetes-Kinder vergleichen. Und in einer Einrichtung für Behinderte - wie von Amts wegen empfohlen - wäre Stefan sicher fehl am Platz. Denn er bekam in seinem Kindergarten die Chance, sich auf ein Leben in Normalität vorzubereiten - dank seiner Erzieherinnen, die sich beherzt und erfolgreich auf dieses pädagogische Abenteuer einließen.
Quelle: Schwäbische Zeitung vom 6.8.2005
Von dem Redaktionsmitglied Elisabeth Sandmaier


