Nideggen, 03.07.2005 - In Deutschland leben ungefähr 20 Tausend schulpflichtige Kinder, die bereits in jungen Jahren an Diabetes mellitus, der Zuckerkrankheit, leiden. So auch unser Sohn, Aurel Kunzweiler, der bereits im Alter von 2 Jahren an dieser chronischen Stoffwechselstörung erkrankte. Insgesamt leben in Deutschland cirka 5 Millionen Menschen mit Diabetes.

Mit der Einschulung ändert sich der Tagesablauf eines diabetischen Kindes grundlegend, auch in der Schule muss Insulin injiziert werden und der Blutzucker muss ständig kontrolliert werden. Die Mahlzeitenaufnahme unterliegt einer bestimmten Zusammensetzung und Tagesrhythmik. Dies war nicht nur für Aurel eine neue Herausforderung, sondern auch für seine Mitschüler und Lehrer ein neues und unbekanntes Feld. Kinder können in der Regel mit solchen neuen Situationen unbefangener umgehen als Erwachsene. Im Schulalltag ist eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrern unabdingbar. Gerade in der Anfangsphase sind intensive Informationen und eine Schulung für Lehrer notwendig, um besondere Situationen wie Unter- oder Überzuckerung zu verhindern und Hilfestellung für den Alltag im Umgang mit der Krankheit zu erhalten.

Es muss allerdings für Eltern unmissverständlich sein, dass Lehrkräfte medizinische Laien sind und auch nur diese Maßstäbe können an deren Handeln angelegt werden. Die Angst mancher Lehrer vor straf- oder disziplianarrechtlichen Konsequenzen ist deshalb unserer Meinung nach, unbegründet. Tritt bei einem diabetischen Schüler z.B. durch eine Über- oder Unterzuckerung ein bedrohlicher Zustand ein, ist die Lehrkraft - genauso wie jeder andere Bürger auch- verpflichtet zu helfen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten die entsprechenden Notfallmaßnahmen zu ergreifen. Eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Kliniken mit den Schulen halten wir unbedingt für wünschenswert, um die Situation zu verbessern.

Sportliche Aktivitäten, wie Schwimmunterricht waren für Aurel selbstverständlich, denn Kinder mit Diabetes benötigen in der Regel keine Sonderbehandlung. Allerdings sollte der Lehrer bei langen körperlichen Anstrengungen immer darauf achten, das der diabetische Schüler zusätzliche zuckerhaltige Nahrung, wie Obst zu sich nimmt, bzw. Traubenzucker oder Cola, welcher beim Lehrer oder in der Sporthalle deponiert ist, bei Bedarf einnehmen.

Das Trompete spielen in der Bläserklasse, –eine großartige Einrichtung an der Grundschule Nideggen- mit Konzerten und Auftritten, hat Aurel jedes Mal bravourös gemeistert. Wobei zu beachten ist, dass Aufregung vor einem Konzert oder einer Klassenarbeit, den Blutzuckerspiegel beeinflussen können. Blutzuckermessungen sind deshalb angezeigt.

Natürlich erlebte und erlebt Aurel wegen seiner Diabetes, Situationen der Ausgrenzung oder gar Diskriminierung, welche aber in der Hauptsache in Unsicherheit und der Angst vor Verantwortung zu suchen ist. Bei manchen Schulfreunden nicht zum Kindergeburtstag eingeladen zu werden, schmerzte Aurel sehr, konnte aber immer wieder sehr gut kompensiert werden, weil es Eltern gab, die beherzt waren, mit den notwendigen Informationen ausgestattet, auch ein diabetisches Kind wie Aurel aufzunehmen. Grundsätzlich gilt, dass auch bei gesunden Kindern Vorfälle und Unfälle immer ein Risiko darstellen.

Mit der Grundschule Nideggen im Kreis Düren, haben wir insgesamt gute Erfahrungen gemacht, abgesehen auf wenige besondere Ausnahmen. Auf eine besonders gute Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin Jeanette Grein möchten wir ganz besonderes hinweisen. Sie hat tatkräftig das diabetische Management in der Schule tagtäglich in aller Konsequenz umgesetzt. Auch bei Klassenfahrten, Ausflügen und Übernachtungsaufenthalten gab es keine Probleme.
Wandertage, Fahrten ins Schullandheim oder andere Klassenausflüge sollten möglichst mitgemacht werden, weil sie ein wichtiger Teil der normalen Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation sind.
Hier ist auch der Mut der betroffenen Eltern gefragt, das heißt die Eigenverantwortung des diabetischen Kindes zu fördern und auch den betreuenden Lehrern Vertrauen entgegen zu bringen. Aber auch bei Widerständen der Lehrer nicht gleich klein beizugeben und das Kind zu Hause zulassen. Hilfreich ist, wenn mit den Lehrern ein einfaches, problemorientiertes Handeln besprochen wird und somit die Unsicherheit und Unerfahrenheit miniert werden kann.

Dazu ist und war es wichtig, dass das Zusammenspiel zwischen den Lehrern der Grundschule Nideggen, dem Elternhaus und dem Aurel ausgeprägt funktionierte. Deshalb sind wir froh und dankbar für den vierjährigen Einsatz der Klassenlehrerin Jeanette Grein, die wir gerne als Vorbild für andere Lehrkräfte anführen wollen. Natürlich kennen wir auch die Kehrseite, es gibt und gab auch Lehrer, denen es am liebsten gewesen wäre, nicht mit der Diabetes und dessen mögliche Folgen in Verbindung gebracht zu werden.

Ein wichtiger Punkt im Unterricht ist die Frage, welche Zugeständnisse einem Kind mit Diabetes eingeräumt werden müssen. Aus unserer Sicht sollten Kindern mit Diabetes so weit als möglich „normal“ behandelt werden, jedoch müssen ohne Einschränkungen Blutzuckermessungen, Nahrungsaufnahme und der Gang zur Toilette jederzeit möglich sein. Weitere Zugeständnisse, wie eine generelle Arbeitszeitverlängerung bei Klassenarbeiten oder sonstige Vergünstigungen, müssen mit viel pädagogischem Feingefühl angegangen werden.
Denn akute Unter- oder Überzuckerungen sind Situationen, in denen der betroffene Schüler nicht sein volles Leistungsvermögen zeigen kann und dies sollte in der Bewertung mit einbezogen werden. Hier gibt es noch Informations- und Handlungsbedarf, oft fehlt es Lehrern noch an der notwendigen Sensibilität.
Andererseits stellen pauschale Vergünstigungen nur aufgrund des Diabetes einen, unserer Meinung nach, Krankheitsgewinn dar, der im späteren Studium oder Berufsleben nicht mehr gilt und der eine normale Sozialisation eher behindert. Aus unserer Sicht steht neben der langfristigen Vermeidung von Diabetes bedingten Folgeerkrankungen die normale psychosoziale Entwicklung unseres Sohnes Aurel im Vordergrund. Dies konnte bisher gut und in enger Zusammenarbeit mir der Klassenlehrerin Frau Grein und dem sozialen Umfeld geschehen.

Die erste Hürde haben wir alle gemeinsam genommen, nun beginnt für uns nach den Sommerferien das ganze Spiel von vorne. Neue Schule, neue Lehrer, neues Umfeld. Der Unterschied, wir haben einen vergrößerten Erfahrungsschatz und unser Sohn Aurel managt seine Diabetes immer eigenständiger, im Bewusstsein, dass seine Diabetes ein wichtiger und bedingt veränderbarer Teil seines Lebens ist. Bleibt die Hoffnung, dass an der neuen Schule, Aurel ebenfalls auf aufklärungsbereite und verständnisvolle Lehrer trifft.

Diesen Beitrag haben wir verfasst, um zum einem, der Grundschule Nideggen, insbesondere Frau Grein zu danken und zum andern Eltern, Schülern und Lehrern Mut zu machen, ungezwungen und offen mit der Diabetes im Schulalltag umzugehen. Nur so fühlen sich die Kinder bestätigt und akzeptiert, kommen mit ihrer Erkrankung erheblich besser zurecht und es lässt ihnen mehr Freiraum für ihr eigentliches Leben.

Marlies und Peter Kunzweiler
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