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Diabetes-Kids Elternblog: Diabetes und Depressionen. Das Risiko sei doppelt so hoch. Da hätte ich eine Theorie ...

Ich habe gelesen, dass Menschen mit Diabetes ein doppelt so hohes Risiko haben, Depressionen zu bekommen, als ein Normalo.

Woran das wohl liegen mag? Na ja, eine Vorstellung hätte ich da schon! Seit mir das unkündbare Amt als Diabetesbegleiterin unseres Sohnes ungefragt auf die Stirn getuckert wurde, musste ich mir schon so manchen Quatsch anhören. Das kann über die Jahre hinweg schon leicht bis mittelschwer depressiv machen. 

 

Die Familie:

"In unserer Familie hat das niemand, das muss von Euch kommen!" Aber klar doch! Freiwillige einen Schritt vor!

Auf dem Spielplatz:

"Was hat der Kleine denn da um seinen Bauch geschnallt"

"Das ist eine Insulinpumpe. Er hat Diabetes!" Jetzt geht's gleich los, weiß ich.

Von wegen, in so jungen Jahren und das es sich ja bestimmt wieder verwachsen würde! Nein tut es nicht! Ihre Tante Gustl (Name ist erfunden) müsse auch immer eine Runde um den Block wandern, wenn sie ein Stück Kuchen essen wolle. Mein Sohn wandert noch gar nicht! Er lässt sich lieber schieben!

Die Krone der Schöpfung: "Ich habe gelesen, dass durch Drogen und Alkohol in der Schwangerschaft ..."    / +   §=+/+%%* (zensiert)

In der Krabbelgruppe:

"Ich bin so froh, wenn mein Kind überhaupt etwas isst!", dabei steckte sie ihren Zwerg, der das zwanzigste Mal um den Tisch robbte ein Stück Brezel in den Mund und einen kleinen Keks in die Hand. Ja, darüber bin ich auch so glücklich! Ich sehe, wie der Zwerg alles fallen lässt und mein Sohn, wie ein Staubsauger alles aufnimmt und in seine Futterluke verschwinden lässt. Unwiederbringlich!

Nachbarn oder Bekanntenkreis:

Sie, verheiratet, ein Kind, das natürlich kerngesund ist, meint ich solle dankbar sein, dass es nur Diabetes ist. Jeden Tag! Als ihr Kind vor zwei Wochen krank war, da hatte sie die schlimmsten zwei Wochen ihres Lebens, weil sie nicht schlafen konnte. Zwei Wochen. Will die mich verarschen?!

Der Diabetologe:

"Ihr Sohn sollte nicht mehr als zwei KE pro Mahlzeit zu sich nehmen." Zum Glück mag er Karotten schon zum Frühstück.

Beim Blutabnehmen für den Hba1c waren vier Leute notwendig. Leider wahr.

Der Hausarzt:

"Sie dürfen bei der Erziehung keine Unterschiede machen!" Hab´s wirklich versucht. Bin aber bis zum zweiten Lebensjahr kläglich gescheitert.

Beim Frauenarzt:

"Ihr Kind sollte im Wartezimmer bleiben. Ach, er hat Diabetes. Können Sie ihn das nächste Mal zu Hause lassen!" Na klar, kann ich das! Mit drei Jahren kann er sich für zwei Stunden selbst beschäftigen.

Bei der Geburt meiner Tochter hätte ich meinen Mann fast gekillt, weil er draußen ewig beschäftigt war, unseren Sohn standesgemäß unterzubringen, während ich kurz vorm Explodieren war. Wie eine Sektflasche die man ordentlich durchgeschüttelt hat.

Beim Turnen:

"Unsere Kuh hatte das auch. Mein Papa musste sie notschlachten."

Schule:

Momentan nehme ich lieber mein Recht zur Aussageverweigerung wahr. Aber irgendwann packe ich alles aus, das schwöre ich!

Mich wundert es dementsprechend gar nicht, wenn Menschen mit Diabetes ein doppelt so hohes Risiko haben, eine Depression zu bekommen. Sie müssen sich höchstwahrscheinlich auch doppelt so viel anhören. Ihr seid auf jeden Fall herzlichst dazu eingeladen, die Liste gut gemeinter Sprüche und Lebensweisheiten zu komplettieren. 

Tags: Elternblog, Blog

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Diskutiert diesen Artikel im Forum (3 Antworten).

WebAdmin antwortete auf das Thema: #99365 17 Feb 2016 20:47
Hallo ihr beiden,

ich wollte Euch nur mal mitteilen, wie sehr mir die freundliche und respektvolle Art Eurer Konversation oben gefällt.

Ihr seid ein super Bespiel dafür, daß man eine andere Meinung oder Kritik auch so vermitteln kann, daß der andere sich nicht vor den Kopf geschlagen fühlt. Sehr sympatisch!!

Liebe Grüße
mibi74 antwortete auf das Thema: #99358 17 Feb 2016 00:24
Hallo!
Schön, das du geschrieben hast.
Du hast Recht, ich bin nur Mutter und nur indirekt vom Diabetes betroffen. Das ist ein riesen Unterschied. (Es sind Momentaufnahmmen. Dinge die passieren und die einen noch eine Weile beschäftigen.)
Stimmt, irgendwann ist es egal was andere sagen. Ich bin jetzt 40 und das prallt an mir ab. Nicht aber an meinem Sohn. Die Schule habe ich deswegen bewußt herausgelassen, weil das genau diese negativen Gefühlslagen bei meinem Sohn auslöst.
Nicht zu genügen, dass stelle ich mir furchtbar vor und hoffe, dass ich meinem Sohn dieses Gefühl nicht vermittele. Als er 5 war hatte er Angstzustände und 1,5 Jahre deswegen in Behandlung. Ich weiß also um die Auswirkung. Das war eine wirklich schlimme Zeit gewesen. Die Panikattacken haben ihn ganz schön mitgenommen.
Momentan geht es ihm wieder gut aber ich weiß nicht, wie es einmal sein wird, wenn er in dein Alter kommt. Bis dahin gibt es sicherlich noch sehr viele Höhen und Tiefen.
Ja, als Eltern ist man irgendwann mit dem Thema durch. Die ersten Jahre sah ich keinen Unterschied. Da haben sich alle den gleichen Regeln unterworfen. Bis auf das Spritzen. Mein Kreislauf ist nicht der beste und ich muss aufpassen, dass es mir nicht die Füße wegzieht. Ich bin schon öfter auf dem Boden gelegen, weil ich meinen Blutzucker unterschätzt hatte. Keiner weiß warum dass so ist. Sie vermuten es kommt vom Stress. Beim Autofahren habe ich immer Traubenzucker dabei. Ich wäre fast mal von der Strasse abgekommen. :S Seitdem bin ich da extrem vorsichtig geworden.
Gewissenbisse etwas versäumt zu haben. Oh die habe ich auch. Und wie! Es ist ein Unterschied ob man für sich selbst Verantwortung trägt oder es für andere tut. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob du bereits eigene Kinder hast. Wenn ja, dann kennst du das Gefühl. Sobald es dem Kind nicht gut geht, leidet man körperlich und seelisch mit. Das kann man nur sehr schwer in Worte fassen. Solltest du selbst Mutter sein, weißt du was ich meine. Auf jeden Fall habe ich schreckliche Angst davor, dass mein Kind mir sagen wird, ich hätte den Diabetes nicht ernst genug genommen. Zu wenig getan. Oder zu viel. Die ersten Jahre war diese Angst primär im Vordergrund. Mittlerweile kann ich das ausblenden. Muss ich, weil ich sonst wohl erziehungsmäßig nicht das leisten könnte, was ich muss.

Als Mutter geht jede Ausgrenzung, blöde Komentare, wenn er frustriert, genervt oder weinend kommt, weil der und der, das und das gesagt hat. Weil er da und dort deswegen nicht mitmachen darf. Und das kommt gerade recht oft vor. Das trifft mich. Er will so sein, wie andere auch und kann es nicht. Das ist echt bitter! Ich habe all das versucht humorvoll um die Ecke zu bringen, weil das Leben in der Wirklichkeit nicht so lustig ist.

Viele liebe Grüße

Michaela
SandrineBlue antwortete auf das Thema: #99356 16 Feb 2016 20:57
Ich habe den Beitrag heute morgen gelesen, und muss jetzt doch mal was dazu schreiben, weil es mir keine Ruhe gelassen hat.
Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich am Titel vorbei geschrieben.
Im dem Beitrag geht es nicht um Probleme eines Diabetikers. Es geht um Probleme einer Mutter, die ein Kind mit Diabetes hat.
Ich selbst habe jetzt über 20 Jahre Typ 1 und habe immer mal wieder auch mit leichten bis mittelschweren Depressionen zu tun gehabt. Aber die Gründe, welche im Artikel genannt werden, sind einfach nicht dass, was wirklich schlimm am Diabetes ist. Ganz ehrlich, irgendwann ist es völlig egal, was andere sagen. Aber die unsichere Aussicht, wie man den Rest seines Leben mit der Krankheit gestalten soll, die Unsicherheit, dass jede Entscheidung die man trifft, vllt doch nicht gut genug war (und man bekommt ja auch immer direkt ein Feedback via BZ- Wert), dass sind die Dinge, die dich am Ende zermürben. Immer wieder den Spiegel vorgehalten zu bekommen, immer wieder "nicht zu genügen", nicht gut genug zu sein.

Nie Pause zu haben. Niemals. Und das für den Rest meines Lebens.
Ganz klar: Als Mutter/ Vater eines Kindes mit Diabetes, ist man übelst gefordert und hat mindestens, wenn nicht noch stärkere Belastungen. Dafür auch großen Respekt.
Aber: Als Eltern ist man damit irgendwann durch. 20, 25 Jahre Diabetes, dann ist der Drops gelutscht. Natürlich bleibt ein Kind immer ein Kind. Aber dennoch: Das Kind wird erwachsen und wird sein Leben leben. Mit Diabetes. Und ihr seit ihn damit los. Natürlich macht man sich auch solange man lebt Sorgen. Und vllt Vorwürfe. Oder hat Gewissenbiss, ob man nicht irgendwas hätte anders machen müssen.

Aber das "Kind" hat das sein Leben lang auch. Und zusätzlich die Therapie zu meistern. Und sein Leben. Und zwar sein Leben lang.
Und so Fragen wie "Oh, hast du das weil du zuviel Schoki ist?" sind dabei wirklich Peanuts. Das sind nicht die Dinge, die die meisten Typ 1er wirklich belasten. Damit leben wir jeden Tag. (Und zwar hier nicht nur meine Meinung, sondern auch von vielen Typ1ern die ich persönlich kenne.) Natürlich nerven diese Nachfragen. Aber "nerven" treibt dich nicht in die totale Verzweiflung.

Ich musste das hier schreiben, weil ich ein wenig das Gefühl hatte beim lesen, dass es hier nicht um die Depression bzw Belastung eines Diabetikers geht. Aber diese Erwartung wurde bei mir durch den Titel geweckt. Und das hat mich dann tatsächlich auch den ganzen Tag beschäftigt.

Ich hab auch das Gefühl, mich für meinen Kommentar entschuldigen zu müssen, ich weiß, dass sowas zu schreiben auch eine Menge Arbeit ist. Und dass es deine persönliche Empfindung ist. Aber bei dem Thema finde ich muss man ein wenig mehr Einblick haben, als nur "könnte ich mir vorstellen".
Vllt fühle ich mich auch deshalb ein wenig auf den Schlips getreten, weil ich, die Diabetikerin mit Depression, damit auf jemanden runter gespielt werde, der mit dummen Kommentaren nicht umgehen kann. Auch wenn ich weiß, dass das mit Sicherheit nicht deine Absicht war.

Und jetzt höre ich auf zu schreiben, denn geschrieben finde ich deinen Beitrag wirklich gut. Bloß dass er nicht hält, was der Titel verspricht.

Ganz herzliche Grüße,

Sandra

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