Von Martina Möller

Marl. "Am Anfang war es die Hölle", erinnert sich Heike Winkels. "Ich musste meiner kleinen Tochter immer mit Gewalt das Insulin spritzen." Lisa-Marie wehrte sich nach Kräften. Kein Wunder. Wie soll eine Zweijährige verstehen, dass dieses Medikament für sie lebenswichtig ist?

Das ist neun Jahre her. Für Lisa-Marie, eine fröhliche und aufgeweckte elfjährige Realschülerin, ist Diabetes Alltag geworden. Sie misst ihre Blutzuckerwerte und dosiert ihr Insulin selbstständig. Auch beim Treffen der Selbsthilfegruppe "Diabetisches Kind mit Eltern" packt sie ihr Testgerät aus. Sie sticht sich in den Finger, gibt einen Tropfen Blut auf den Teststreifen, liest den Wert ab, stellt an ihrer Insulinpumpe die richtige Menge ein - und beißt genüsslich in ihren Schokoriegel. Die Joghurtschokolade ist übrigens kein Diätprodukt, sondern aus dem Regal, aus dem alle Kinder gern ihre Süßigkeiten naschen. Man muss nur auf die Menge achten und alle Nährwerte sorgfältig berechnen. Seit drei Jahren trägt Lisa-Marie den Katheter, an den sie ihre Insulinpumpe anschließt. "Das erspart viele Spritzen", sagt Mutter Heike.

 

Die neunjährige Nikola Hansen weiß seit zwei Jahren, dass die Diabetes sie ihr Leben lang begleiten wird. Nach vielen Besuchen bei verschiedenen Medizinern deutete die Hausärztin die Symptome wie extremes Durstgefühl und dauernder Harndrang schließlich richtig und tippte auf Diabetes Typ 1.

Alle zwei Monate kommen die beiden Mädchen jetzt mit ihren Müttern zu den Treffen der Selbsthilfegruppe in Marl. Während die Erwachsenen Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig Tipps geben und bei Gruppenleiterin Ingeborg Schettler Rat suchen, vertreiben sich die Kinder ihre Zeit mit Spielen, Rätseln, Basteln.

Ingeborg Schettler, Gründerin und Leiterin der Selbsthilfegruppe für den Kreis Recklinghausen, ist selbst seit fast 30 Jahren Diabetikerin, weiß um die Ängste und Sorgen der Eltern, wenn bei Kindern die Diagnose Diabetes gestellt wird. Während der Gruppentreffen ist Angela Müller stets zur Stelle, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, damit die Erwachsenen ungestört reden können.

Ruhe finden Eltern nur selten, wenn ihr Kind die Diagnose Diabetes Typ 1 bekommt. Bei Familie Winkels in Lembeck und bei den Hansens in Waltrop begann damit eine Zeit des Bangens und des Ausprobierens. "Ich mochte nicht mehr essen, weil meine Tochter in dieser Phase auch kaum etwas essen durfte", erinnert sich Heike Winkels. Auch wenn Verhaltensregeln streng befolgt werden, zeigt die Krankheit immer wieder, wie unberechenbar sie sein kann.

"800 war der höchste Wert, der bei Nikola gemessen wurde", erzählt Rosi Hausen. "Den Tag werde ich nie vergessen." Weil sie schnell genug mit ihrer Tochter in der Dattelner Kinderklinik war, konnte der Blutzucker noch rechtzeitig wieder gesenkt werden. Lisa-Maries höchstes Messergebnis liegt bei 500. Auch mit Unterzuckerung haben beide Kinder leidvolle Erfahrung. Mittlerweile haben beide Mütter Routine darin, ihnen im Notfall süße Getränke einzuflößen. Das haben sie bei den Schulungen der Vestischen Kinderklinik gelernt.

In ihrer schwersten Zeit hatten Heike und Lisa-Marie, Rosi und Nikola neben den medizinischen Experten der Dattelner Kinderklinik immer wieder eine Anlaufstelle: die Selbsthilfegruppe "Diabetisches Kind mit Eltern" in Marl. Hier konnten die Mütter Erfahrungen austauschen, hier kamen die Töchter in Kontakt mit Leidensgenossen und erlebten endlich das Gefühl: Denen geht es genauso wie mir. "Die Kinder sind ja sonst überall die Außenseiter", sagt Heike Winkels.

Nach Jahren voller Anspannung wird das Leben für Mama Heike ein bisschen entspannter, auch wenn sich manches nicht geändert hat. Noch immer steht die Lembeckerin jede Nacht mindestens einmal auf, um nach der Tochter zu sehen und den aktuellen Blutzuckerwert zu nehmen. Sechs bis acht Mal wird über Tag und Nacht verteilt - meistens vor den Mahlzeiten - gemessen und das Insulin entsprechend dosiert. Leben mit Diabetes, daran haben sich die Mädchen und ihre Eltern längst gewöhnt. An die alltäglichen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt, nur schwer. Da findet eine Klassenfahrt statt. Die Lehrerin will Nikola nur mitnehmen, wenn die Mutter als Begleitperson dabei ist. Mal bei der Freundin, bei Oma, Opa oder Verwandten übernachten? "Die meisten haben Angst vor der Verantwortung und lehnen ab", sagt Heike Winkels.

Doch Lisa-Marie und Nikola wollen sich nicht abstempeln lassen. Beide gehen ihren Hobbys nach, haben Freunde und treiben Sport. Lisa-Marie ist Leistungsschwimmerin, Nikola hat den Kampfsport Jiu-Jitsu für sich entdeckt. Und nach dem Training darf es auch ein Schokoriegel sein. Was essen Lisa-Marie und Nikola am liebsten? Pommes, Buchstabensuppe und Fischstäbchen stehen ganz oben auf der Liste.

Die Selbsthilfegruppe "Diabetisches Kind mit Eltern" trifft sich an jedem zweiten Donnerstag im Monat, 16 Uhr, in den Räumen der AWO, Lehmbecker Pfad 31 in Marl. Info: Ingeborg Schettler, 02365/14618. Am 6. September feiert die Gruppe in der Marler Willy-Brandt-Gesamtschule ihr zehnjähriges Bestehen. -

 

Quelle: Medienhaus Bauer vom 23.07.2008
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